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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Aufklärung, Romantik und Gegenwart
Date
1929-04-01
Page
76 (sequence 4)
Language
German
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Emst von Aster In der Geschichte des kontinentalen Europa bedeutet die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts einen tiefen Einschnitt, bedingt durch die sich überstürzenden Ereignisse der franzosischen Revolution und die Napoleonischen Kriege. Innerhalb weniger Jahre zerbricht die Revolution nicht nur die absolute Monarchie, die in ihrem politischen und kulturellen Glanz das Vorbild des Absolutismus überhaupt gewesen war, sondern schreitet in überschneller Entwicklung von der liberalen Konstitution nach englischem Muster zu einer radikalen Demokratie nach den Ideen Rousseaus fort und eröffnet mit unerhörter Heftigkeit einen Kampf gegen Kirche und Religion. Die Ideenwelt der Philosophen greift in die Wirklichkeit und entfesselt Stürme, die den Einzelnen, den Bürger, den Untertanen zwingen, Stellung zu nehmen. Er ist nicht mehr nur Objekt weltgeschichtlicher Ereignisse, einer dynastischen Politik, die sich zu seinen Käupten abspielt und die er wie Gewitter und Hagelschlag über sich wegziehen läßt, sondern er fühlt mit Stolz — mit Schrecken —, mit einem Gefühl der Pflicht und der Verantwortung, wie er selbst Subjekt der geschichtlichen Geschehnisse wird und handeln, Stellung nehmen, urteilen muß. Die Revolutions¬ und Napoleonischen Kriege bereiten der nationalen Entwicklung den Weg, deren gefühlsmäßige und ideologische Entfaltung das Weltbürgertum des 18. Jahrhunderts zurückdrängt Im Frankreich der Revolution wird die Souveränität der Natur nicht nur in dem Sinn, daß die Nation über dem König steht, sondern auch in dem weiteren verkündet, daß die Nation das Recht hat, die Kräfte des Einzelnen restlos für sich zu fordern. In Deutschland wird unter dem Einfluß der Freiheitskriege der kategorische Imperativ Kants umgewandelt in die Pflicht gegen Volk und Staat als oberste Forderung des Sittengesetzes, auch hier fordert die allgemeine Wehrpflicht Leben und Person jedes Einzelnen für die Zwecke des Staates. Damit soll nicht gesagt sein, daß das Interesse an der Geschichte und an den geisteswissenschaftlichen Fächern, das die Vorherrschaft der Naturwissenschaft ablöst, allein durch den Verlauf der politischen Ereignisse bedingt sei. Beispiele — ich erinnere nur an Herder, den wir vielleicht in Deutschland den frühesten ausgesprochenen Romantiker nennen dürfen, — zeigen, daß das nicht der Fall ist Aber die Entwicklung von der Aufklärung zur Romantik wird durch diese Ereiginisse und ihre einschneidende Wirkung außerordentlich gesteigert und durch sie erfährt die nunmehr an der Geschichte sich orientierende Philosophie den betont nationalen Zug. Man vergleiche hier einen Augenblick Lessing, Herder und Fichte. Für Lessing ist die Verschiedenheit der Nationen, 76

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