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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 75

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Aufklärung, Romantik und Gegenwart
Date
1929-04-01
Page
75 (sequence 3)
Language
German
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Aufklärung, Romantik und Gegenwart Deutschland noch unter dem Druck der Nachwirkungen des 3ojährigen Krieges. Es fehlt der wirtschaftliche Aufstieg der westlichen Lander; die Ansätze zu einem selbstbewußten, großzügigen, weltmännischen Großbürgertum sind erstickt, der bürgerliche ist wesentlich kleinbürgerlicher Geist mit der ihm eigenen Enge, Ängstlichkeit, Gebundenheit. Der Bürger bleibt passives Objekt einer mannigfach wechselnden, ihm undurchsichtigen und gleichgiltigen dynastischen Sonderinteressen dienenden Politik. Derweil prägt in England in der Revolution das Bürgertum dem Staat seinen Stempel auf, entsteht in Frankreich der glänzende Hof Ludwig XIV., der zum Mittelpunkt nicht nur einer politischen, sondern auch einer kulturellen Blüte wird. In Deutschland hat der größte und politisch genialste der deutschen Fürsten nur Verachtung für die Schöpfungen deutschen Geisteslebens und sieht überzeugt und einseitig nur in Frankreich den Hort der Kultur. Während in England die harte und nüchterne, aber zu sitarker Leistung erziehende Arbeitsmoral des Calvinismus einem expansiven Kapitalismus mit seinen großartigen Entwicklungsmöglichkeiten die Wege ebnet, während in Frankreich der Jesuitismus vorsichtig die Kirche dem neuen Geist eines selbständigen Bürgertums anzupassen sucht, muß in Deutschland die geistige Entwicklung des größten deutschen Denkers (denn das bleibt Kant trotz Fichte, Schelling und Hegel) mühsam das enge und drückende Netz pietistischer Religiosität und Erziehung zerreißen; während Voltaire mit königlichem Selbstbewußtsein in Ferney Hof hält, ist Lessings freies Schriftstellerleben ein mSühsaroes und zermürbendes Kämpfen um das tägliche Brot Das Schicksal Lessings und Kants — des kleinen Magister in Königsberg, der nach mancherlei untertänigen Gesuchen an den König von Preußen und die Kaiserin von Rußland, der Königsberg auch zwischendurch einmal gehört, mit 4 7 Jahren in eine bezahlte Stelle aufrückt und mit 70 Jahren das Verbot seiner Schriften über religiöse Dinge mit kluger Vorsicht hinnehmen muß — sind das Schicksal der deutschen Aufklärung. Die Reaktion auf die Aufklärung, die kritische Auflösung ihrer Ideale bereitet sich fast gleichzeitig in England, Frankreich und Deutschland vor. In England durch Hume, in Frankreich durch Rousseau, in Deutschland durch Kant. Kant ist zeitlich der Letzte der Drei und er ist ohne die beiden Andern ' nicht denkbar. Ein Versuch, ihn von ihnen und der Zeit, die sie repräsentieren, durch eine tiefe Kluft zu trennen, müssen die unzweideutigen eigenen Worte des Königsberger Philosophen entgegengehalten werden. — 75

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