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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 74

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Aufklärung, Romantik und Gegenwart
Date
1929-04-01
Page
74 (sequence 2)
Language
German
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Ernst von Aster Bild zu erfühlen, zu verstehen suchte. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, daß der „Geist" nichts Totes und Starres, daß er ein lebendig sich Entwickelndes ist. Was übrigens im Grunde auch aus Hegel zu lernen wäre, nur daß Hegel den gigantischen Versuch macht, den aber selbst der entschiedenste „Neuhegelianer" nicht nachzuahmen wagen wird: diesen Entwicklungsgang in ein starres, logisches Schema zu pressen. Denn dieser Entwicklungsgang ist zugleich eine Schicksalslinie und wie jedes Schicksal bedingt durch Inneres und Äußeres zugleich. Genau so wie beim einzelnen Menschen ist es bei einem Volk eine müßige, weil unbeantwortbare Frage, wie er sich unter andern äußeren Schicksalen entfaltet hätte. Und sicher ist es eine höchst bedenkliche Sache, ihn auf ein bestimmtes vergangenes Stadium, sei' es auch in irgendwelchem Sinn ein Höhepunkt, eine „Blütezeit" gleichsam festlegen zu wollen. Abgesehen davon, daß solcher Versuch doch schließlich mißglücken muß und als Erfolg immer nur ein Übernehmen äußerlicher Resultate, nicht des Weges selbst ergeben kann, auf dem jene Resultate gewonnen wurden. „Neuromantik" wird immer Nachahmung der Romantik werden und damit zugleich selbst „romantisch" in dem uns altbekannten abfälligen Nebensinn dieses Wortes, in dem Sinn des Wirklichkeitsfremden, des Verwechselns von Phantasie und Realität, der Don Quijoterie. Der deutsche Geist erlebt seine Auf klärungszeit so gut wie seine Romantik. Die Aufklärung des 18. ist die Frucht der geistigen Entwicklung des 17. Jahrhunderts. Das aufklärerische Ideal der neuen Vernunftreligion und -moral, der auf reine Vernunft gegründeten Staatsverfassung, die Überzeugung von der prinzipiellen Lösbarkeit aller Probleme durch den zerlegenden und beweisenden Verstand wäre nicht möglich gewesen ohne die Erfolge der neuen Naturwissenschaft und ihrer Methode, ohne ihre Erhebung zum Muster und Vorbild aller Erkenntnis, ohne Descartes und seine Nachfolger. Diese Ideale sind „deutsch" so gut wie französisch oder englisch, sie finden etwa in Leibniz oder dem jungen Kant hervorragende Vertreter. Ich erinnere an das fast feierliche Wort, das Kant der Aufklärung widmet, sie sei der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Und wer in der Romantik die einzige Äußerungsform echt deutschen Geistes sieht, darf sicherlich Lessing als Deutschen nicht feiern, denn Lessing in seiner herben, kühlen, verstandesmäßigen Art, mit seiner scharfen Abneigung gegen das Überwiegen des Gefühlsmäßigen wie des Genialischen (in beiden durchaus ein Gesinnungsgenosse Kants) war der Gegenpol aller Romantik. Aber die Zeit der Aufklärung steht bei uns in 74

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