Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Aufklärung, Romantik und Gegenwart
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 73 (sequence 1)
- Language
- German
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Aufklärung, Romantik und Gegenwart Von Ernst von Aster Eine Wendung, die man heute, auch in durchaus ernst zu nehmenden Büchern und von Vertretern der Wissenschaft, erstaunlich häufig lesen kann, ist die, daß der „deutsche Geist" seinen eigensten Ausdruck in der Zeit, in der Kunst, der Weltanschauung, der Staatsidee und Geschichtsauffassung der Romantik und in der Philosophie des deutschen Idealismus, der großen metaphysischen Systeme aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts gefunden habe. Darin liegt dann, stillschweigend oder ausdrücklich, der weitere Gedanke, daß der Geist des 18. Jahrhunderts, daß die Denkweise der „Aufklärung", der sich ja die Romantik und die Schöpfer jener idealistischen Metaphysik bewußt entgegensetzen, im tiefsten Grunde etwas Undeutsches an sich trage, vielleicht nur Nachahmung französischen oder englischen Vorbilds sei. Und daran knüpft sich dann nicht selten die ausdrückliche Aufforderung an den Deutschen, zu jenen Geistesquellen zurückzukehren, die ihm sein eigenes Wesen in Reinkultur widerspiegeln sollen. Ihr Weltgefühl sich zu eigen machend, bleibe der deutsche Geist „sich selbst treu", denke deutsch — metaphysisch und idealistisch —, nicht französisch-rationalistisch, englisch-positivitisch, oder wie die Gegensätze, die man hier aufstellt, sonst heißen mögen. „Der deutsche Geist" — schon in dieser Wendung versteckt sich eine bedenkliche Neigung, ebenso wie hinter den verwandten Wendungen, die von der heutigen „geisteswissenschaftlichen" Richtung der Kunst- und Literaturwissenschaft mit einer gewissen Vorliebe gebraucht werden. Gewiß ist es ein Verdienst dieser modernen Richtung, daß sie im Gegensatz, zu dem kleinlichen „Naturalismus" eines verflossenen literarhistorischen Wissenschaftsbetriebs wieder auf den lebendigen einheitlichen Schöpfergeist zurückging, ihn aus Wort und 73