Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 48 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Und überall leuchtet der große Urtraum seines Lebens als unausgesprochenes Geheimnis durch all die labyrinthischen Verschlingungen seiner Werke, durch diese an ihrer Verwirrung fast erstickende Welt hindurch. Immer fühlen wir, daß in ihr nicht die Maße des Menschen, sondern die Maße Gottes gesucht werden und daß nur an ihnen gemessen unsere Welt ihre ganze hoffnungslose Verwirrung enthüllt- Die Dunkelheit und Verwirrung selbst, in der das Irdische gesehen wird, zeigt so die Reinheit des Blicks und die Höhe der Maße an. Um seiner messianischen Sehnsucht willen hat Kafka seine eigene Wahrheit der Gottes entgegengestellt; um seiner Gerechtigkeit: um der Reinheit, Wahrheit und Unveränderiichkeit der Welt willen hat er, der große Rechtssucher in einer unrein und unwahr gewordenen, verzerrten Welt mit ihm den Prozeß begonnen. Auch er hat diesen Prozeß nicht zu Ende geführt — aber auch er ist nicht unerhört geblieben. Die Erfüllung seines messianischen Traumes: die Welt ins Reine, Wahre, Unveränderliche zu heben, war Kafka versagt, wie sie jedem geschichtlichen Menschen versagt ist, wie es auch Hiob versagt war, seine eigene Gerechtigkeit mit der Gottes zu versöhnen. Aber auch hier — auch in dieser späten W7elt wieder — geschieht statt dessen das Wunder. Auch hier ist es statt aller Antwort die auf tausend Wegen von uns abgedrängte Schöpfung selbst, die in ihrer zerschmetternden, erlösenden Kraft vorüberzieht und dennoch dem Leid zur Antwort wird. Aber sie erscheint in anderer Gestalt. Wo die Welt versunken ist, wo ihre Gesetze entwichen sind, wo ihre Musik abgebrochen ist bis zum Grund und die Bahnen der Sterne uns keine Antwort mehr geben — da offenbart Gott sich und sein Werk seinem Knecht nicht in Donner und Blitz, nicht in den überschwänglichen Wundern der Natur; aber er tut es in einer nicht minder überschwänglichen und geheimnisvollen Gestalt: in der Geschichte. Und auch hier tritt an die Stelle der Antwort auf die Frage nach seiner Gerechtigkeit die Gegenfrage Gottes an den Menschen. Wie mit dem Vorüberziehen der Schöpfung als Natur an Hiob die Frage gestellt ist: Wo stehst du? Wo findest du dich hier wieder? Wo ist hier dein Ort? — und wie Hiob, seinen Ort in Gottes Schöpfung erkennend, sich beugt und demütigt und Gott erst so in der rechten Beziehung zu ihm als sein übergewaltiges Du erkennt — so ist auch mit der Offenbarung der geschichtlichen Welt an den heutigen Menschen die Frage gestellt: Wo stehst du? Wo findest du dich hier wieder? Wo ist hier dein Ort? Und auch hier liegt die Antwort allein in der Demut und Wahrhaftigkeit, mit der der Mensch seine Stellung im Ganzen er- 48