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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
49 (sequence 19)
Language
German
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka kennt und auf sich nimmt. Indem Kafka den vollen Abstand seiner Welt von der Reinheit, Wahrheit und Ewigkeit der göttlichen ausmaß, stellte er sich ein in seinen Ort in der Geschichte. Indem er das Leid seiner Weltstunde auf sich genommen, sich mit seinem Wahrheitsverlangen vorbehaltlos in sie eingesetzt hat, hat er wie Hiob Gott die Antwort auf die Frage gegeben, die er selbst an Gott gerichtet hatte. Franz Kafka hat die Auseinandersetzung der Wahrheit seiner Zeit mit der ewigen. Wahrheit des Judentums geleistet. Und wenn dies: die Auseinandersetzung der zeitlichen, geschichtlichen Wahrheit, in die das Judentum seit seiner Zerstreuung gestellt ist, mit der ewigen, in der es verwurzelt ist, Form und Sinn aller großen jüdischen Leistungen des Abendlandes überhaupt ist, so trägt keine reiner und tiefer als die Kafkas zugleich die Züge der uralten Auseinandersetzung Hiobs mit seinem Gott. Hier wie dort ist es die Grundkraft des jüdischen Wesens, von der sie getragen ist: die allem Leid trotzende und von ihm nicht zu zerstörende paradoxe Kraft der Hoffnung. Wie Hiob mitten im Brand seines gottverhängten Leides ausruft: „Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt" — so sagt Franz Kafka in seiner ruhigen verhaltenen Sprache: „Es ist keine Widerlegung der Vorahnung einer endgültigen Befreiung, wenn am nächsten Tag die Gefangenschaft noch unverändert bleibt oder gar sich verschärft oder selbst wenn ausdrücklich erklärt wird, daß sie niemals aufhören soll. Alles das kann vielmehr notwendige Voraussetzung der endgültigen Befreiung sein." Und so wird das fest verrammelte Tor unseres Gefängnisses dennoch um einen schmalen Spalt geöffnet. Ein Streifen überirdischen Lichts dringt herein. Wir wissen nichts.. Aber darum wissen wir auch nicht, ob nicht diese unsere dunkle von Gott abgetriebene Welt der Erlösung am nächsten ist. 4 49

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