Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 47 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka düsteren Grau in Grau dieses Lebens, über dem die Sonne der Transzendenz nicht leuchtet, in dem der Strom der Immanenz nicht fließt, dessen Verbindung mit dem Ewigen zerrissen ist, ab. Dies ist wirklich die von Gott allein ge lassene Welt. Und doch — das ist das große Mysterium: obwohl er sie verlassen hat, ist alles in ihr seine Offenbarung. Nichts kann, darf darum in dieser Welt des Nichts negiert, abgewiesen werden. Alles und jedes muß jenseits der Frage nach seinem Wert um seiner bloßen Gegenwärtigkeit willen bejaht, angenommen werden. Denn obwohl alles für das Verstehen so unüberbrückbar getrennt ist, gehört doch im Lebensgrunde alles anabtrennbar zueinander. Nichts ist hier vom anderen zu lösen, und wir wissen niemals, welches Glied der unendlichen Kette wir berühren. Alles steht in einem unenträtselbaren und darum um so unheimlicheren Zusammenhang: das Geringste mit dem Größten, das Entlegenste mit dem Nächsten. Ja, im Grunde ist alles Leben miteinander identisch. Und doch wird alles zugleich mit unendlichen Vorbehalten aufgenommen, weil nichts das Eigentliche ist, weil alles dem Zufall preisgegeben, alles nicht eigentlich es selbst ist. Alles in dieser Welt ist ja fragwürdig, ist verwirrt und verzerrt. Und doch peitscht alles in ihr uns auch wieder dem Ziel entgegen, ist alles Verhinderung und Weg zugleich. Wie Kafkas alter Landarzt fahren wir mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden verwirrt und gejagt durch die sinnberaubte Nacht. Aber nur die Sinnlosigkeit, die Verwirrtheit und Fragwürdigkeit unserer nächtigen Welt selbst ist es, die uns in jedem Augenblick das hinter ihr verborgene, unauffindbare Gesetz spüren läßt, das all dies richtet, und durch dessen Gericht es überhaupt erst so verwirrt und verzerrt und fragwürdig wird. Darin liegt das so seltsam, so tief religiös Erschütternde der gottfernen Welt Kafkas: sie ist nicht von der Welt, vom Leben aus gesehen, sie ist von Gott, vom Gesetz aus gesehen, an ihm gemessen und von ihm aus gerichtet. — In einem späten Briefe schrieb der todkranke Dichter einem Freunde: „Freude kann ich von Arbeiten wie „Landarzt" noch haben — vorausgesetzt, daß sie gelingen — Glück aber nur, wenn ich die Welt ins Reine, Wahre, Unveränderliche heben kann." — Dies also ist der große, klare Traum, der leuchtend auf dem Grunde seiner dunklen, verworrenen Welt liegt. Die Darstellung seiner gottverlassenen, ins Nichts gesunkenen Welt in ihrer ganzen qualvollen und düsteren Wahrheit ist in ihrem Grunde nichts anderes als die Darstellung seiner messianischen Sehnsucht. 47