Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 46 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman rade in ihrer vollkommenen Weglosigkeit und weil sie eines Weges nicht bedarf, aus dem vollkommen ausweglosen Nichts wenigstens für Augenblicke herausführt. Denn im Grunde können wir überhaupt keinen Schritt tun, keinen Weg gehen, der uns zu den Dingen führt Alles strebt von uns fort, zieht sich vor uns zurück. Zeit und Raum haben nicht mehr die konstitutive Kraft, diese Well zu gliedern. Die Dinge sind völlig aus der Beziehung zu ihnen und sie aus der Beziehung zu den Dingen gelöst. Die Zeit, die Dinge und die Menr sehen fallen auseinander. Die Zeit zieht sich zusammen, wird etwas für sich selbst, so daß ein alter Mann am Schluß seines Lebens gar nicht mehr begreift, wie jemand den Entschluß fassen kann, auch nur ins nächste Dorf zu reiten, wie man überhaupt in der Zeit irgendetwas unternehmen könne. Denn es gibt hier keine allgemeine meßbare Zeit mehr, die uns trüge. Jedes Leben hat seine besondere, nur ihm eigene Zeil, die an keiner allgemeinen Zeit gemessen werden kann. Und auch der Raum bedeutet für jeden etwas anderes; jeder sieht ihn verschieden; auch er verbindet die Menschen nicht mehr, er trennt sie nur voneinander. Und da die verschiedenen Zeiten und Räume nicht mehr zusammenkommen können, so mischen sie sich überall störend und verhindernd ein. Zeit und Raum, die uns zum Ziele tragen sollten, verstören uns und verhindern uns als selbständige Gewalten daran, es zu erreichen. Weil es zu keiner gemeinsamen Zeit, zu keinem gemeinsamen Raum kommen kann, darum kann es auch zu keiner gemeinsamen menschlichen Gerechtigkeit kommen; daher die radikale Verlassenheit des Menschen, der Gerechtigkeit sucht, wie sie in dem Roman „Amerika" zum Ausdruck kommt. Von den Menschen ist überhaupt nichts mehr für die Menschen zu erwarten. Aber so groß hier das Leid und die Wirrnis durch die Gottentfernung ist — Kafka klagt nicht Es wird, anders als bei Hiob, nicht geklagt in seinen Werken. Die unerhörtesten Leiden, die schauerlichsten Schicksale werden erzählt, aber nirgends ertönt eine Klage. Dazu ist alles zu unentrinnbar, zu unabänderlich, und Gott würde die Klage gar nicht hören. Selbst bei der gräßlichen Hinrichtung am Schluß des Prozesses ertönt keine Klage. So muß es sein. Der Gerichtete weiß nicht warum, aber er ergibt sich der Notwendigkeit. Er weiß, daß sein Prozeß nicht bis zum Richter vordringen kann. Der Prozeß Gottes mit dem Menschen und des Menschen mit Gott ist verschärft um das Ausfallen seiner Schöpfung, soweit sie Natur, nach Gesetzen geordnete Welt ist. Die Musik der Welt ist bis in alle Tiefen hinunter abgebrochen. Alle Form fällt wie ein glänzendes und verhüllendes Kleid von dem 46