Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 45 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka Es gibt darum auch keine allmählichen Annäherungen zwischen den Menschen — alles ist sofort, im ersten Augenblick entschieden. Die Schicksale sind da mit den Menschen. Und darum sind es nicht eigentlich Schicksale: der Tragik oder Komik fähige Lebensentwicklungen mit bestimmten, klar umrissenen Inhalten — sondern sie sind alle nur unter das eine übermächtige Gericht gestellte, von ihm willenlos geführte und durcheinandergeschüttelte Existenzen. Die Menschen sind nicht aufeinander bezogen, sondern auf das Gericht. Ohne die Beziehung auf das Gericht wäre in dieser Welt überhaupt gar nichts zu erkennen. Das zeigt sich am erschütterndsten in dem Roman „Das Schloß". Der Landvermesser kommt als der Fremde von außerhalb in das Dorf. Er fragt die Menschen, die im Dorf leben, nach all ihren unverständlichen und seltsam miteinander verwobenen Schicksalen. Vor allem aber und immer fragt er nach dem Weg zum Schloß. Denn von ihm aus hat er seine Anstellung empfangen. Aber gerade diesen kann ihm niemand zeigen; es ist vollkommen unmöglich für ihn, hinzugelangen. Ein ganzer Stab von Dienern, Zwischeninstanzen und Kanzleien, in denen die ganze Weitläufigkeit, Wichtigkeit und alles Menschliche versperrende Elendigkeit der Bürokratie dargestellt ist: das getreue Abbild unseres heutigen, von jeder Unmittelbarkeit des, Lebens abgeschnürten Daseins — liegt dazwischen und verbaut ihm den Weg. Seine eigene Anstellung ist fragwürdig. Niemand weiß, ob er hierher gehört — auch er selbst nicht. Er war hierher gerufen. Aber nun weiß niemand davon, und niemand hat Arbeit für ihn. Er klammert sich an jeden, auch den niedrigsten und entferntesten Angestellten des Schlosses; er klammert sich vor allem an die Frauen; denn die Frauen haben alle Beziehungen zum Schloß. Aber gerade die Frauen führen ihn auch wieder in die Irre, so daß er durch sie, die ihm den Weg zum Schloß weisen wollten, immer hoffnungsloser von ihm weggeführt wird. Es ist immer dasselbe: W7ir verstehen nichts von dem Leben, in dem wir stehen, den Mächten, die uns lenken und über uns richten, den Schicksalen, in die wir verstrickt werden, den Formen und Bedingungen des Lebens, die uns angewiesen sind. Wir sind absolut und ganz im Exil. Keines von den Dingen der Welt spricht unsere Sprache. Der reinste Wille erreicht den absolut transzendenten und nun völlig aus unserem Leben gewichenen Gott so wenig wie die absolute Verworfenheit. Ja, das Verworfene scheint ihm in seiner fraglosen Hingabe an ein Unbekanntes näher, scheint unmittelbarer auf es bezogen. Die vollkommen fraglose Hingabe erscheint als die einzige Kraft, die ge- 45