Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 44 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Margarete Susman Formen, keine allgemeine Anschauung von der Welt mehr gibt. Das letzte Band zu einer gemeinsamen, nach Ideen geordneten Welt: die Erinnerung, ist zerrissen — es gibt keine Evidenz mehr; d. h. das Aufleuchten der Dinge ist kein Beweis mehr für ihr Sein in der Wahrheit; es gibt nur noch Präsenz: unabweisbare, übermächtig sich aufdrängende Präsenz. Und der reinen Präsenz entsprechend gibt es in dieser Welt keine formhaft abgegrenzten Individuen mehr — es gibt nur noch ineinander verfließende Existenz. Das bedeutet aber zugleich, daß die Einsamkeit der Menschen vollkommen hoffnungslos geworden ist, weil sie einander nicht mehr erfassen, nicht mehr in der Anschauung ergreifen, einander nicht mehr erkennen können. Aber gerade weil es keine gemeinsame menschliche Welt mehr gibt, weil die Einsamkeit so hoffnungslos geworden ist, darum leben hier alle Menschen in einer unablässigen Auseinandersetzung miteinander. Weil sie sich nicht mehr finden, nicht mehr erkennen, einander gar nicht mehr verstehen können — gerade darum sind sie gezwungen, dies Verstehen unablässig zu suchen. Darum reden sie immerfort miteinander, absatzlos, unausgesetzt und reden immer aneinander vorüber. Auch schon in ihrer äußeren Erscheinung sind die Gestalten Kafkas nichts formhaft Abgegrenztes, nichts klar Anschaubares, Erkennbares, Wertbares mehr. Sie sind durchaus rätselhaft — undurchdringliches Geheimnis, jeder Mensch für jeden Menschen. Auch in ihrem Äußeren wenden sie uns nicht ihre Gestalt, einzig ihre Existenz zu. Die knappen Umrisse, in denen sie in des Dichters Zeichnung wie aus einem verworrenen Lebensnebel herauftauchend plötzlich vor uns stehen, sind überwältigend bestimmt und traumhaft undeutlich zugleich — sind genau die, mit denen Gestalten der Träume vor uns auf tauchen. Wir könnten ihr Äußeres nicht nachbilden, wir können von ihrem Inneren keine bestimmte Vorstellung fassen; aber wir wissen genau, weit genauer als von den auf uns zutretenden Erscheinungen des Tages, wer sie sind. Wir wissen es sofort imd unmittelbar — im selben Augenblick, wo sie uns ihr Traumgesicht zuwenden. Nicht wie bei den Erscheinungen des wachen Lebens müssen wir an der Hand von Worten, Blicken, Bewegungen uns ihr Inneres aus ihrem Äußeren erst erschließen. Ihr Inneres ist nichts anderes als ihr Äußeres — sie sind uns sofort ganz und gar gegeben. Sie sind da, sind unabweislich, gleich den Gestalten des Traumes, auch wenn wir uns von ihnen abwenden, da — sind präsent, aufdringlich gegenwärtig — sind von aller Vergangenheit und Zukunft gelöst gleichsam reines Jetzt. 44