Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 43 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka ginnen dunkel zu ahnen: Vielleicht ist gerade dies unsere Schuld, daß wir nicht schuldig wurden. Wer weiß das? Vielleicht ist das die größte, die eigentliche Lebensschuld für uns heutige Menschen, daß wir die mit unserem Dasein selbst unter der vollkommenen Verborgenheit Gottes gesetzte Schuld nicht auf uns nahmen, daß wir von Gott getrennt schuldlos und damit irgendwie gesichert und geborgen leben wollten. Die allgemeine Schuld, die schon in Hiobs Schuldlosigkeit getroffen wird, sie aber nicht auflöst, hat hier die persönliche Schuldlosigkeit zerstört und in ihr genaues Gegenteil: die schwerste Lebensschuld, verkehrt. Dies erst ist das vollendete Grauen. Das Leben des Gerichteten geht in Trümmer. Überall greift eine Gerechtigkeit ein, die er nicht kennt und nicht versteht, ja die im Grunde gar nichts mit ihm zu tun hat, die nur ihre niedrigsten Boten zu ihm schickt. Diese Boten eines Unverständlichen spielen in allen Erzählungen Kafkas eine große Rolle. Sie sind ebenso unverständlich wie die Macht, die sie gesandt hat: alltägliche, ja gemeine und jeder persönlichen Gerechtigkeit, oft jedes Auslandes bare Gestalten, die sich ganz den Erscheinungsformen unserer eigenen Welt anpassen. Aber sie vertreten jene Macht und sind darum selbst mit übernatürlicher Macht ausgerüstet. Erschütternd blitzt plötzlich in einem von ihnen Schönheit auf; aber wir erkennen sofort: diese Schönheit war nur Schein: nichts, das in unserer Welt auftritt, kann. in Wirklichkeit schön sein, kann teilhaben an der echten Schönheit. Alles ist der Entwertung, der Verschüttung und Vernichtigung dieser Stunde ausgeliefert. In dieser Einsicht beruht auch Kafkas herber Verzicht auf Schönheit in der eigenen Gestaltung. Ein Geist, begabt mit einer Gestaltungskraft, mit einem Auge für die Schönheit der Dinge wie nur der ganz große Dichter, versagt sich jede Schönheit, tritt mit seiner Gestaltungskraft hinter seiner Leidenschaft zur Wahrheit völlig zurück. Die Schönheit hat in dieser Weltstunde keine Wahrheit; so verzichtet er auf Gestalt und Schöne. Nur zuweilen sehen wir in einem Satz wie in der fast unfaßlichen Schilderung einer Theaterloge am Schluß von „Amerika", wie in der der Schakale, deren Heulen nach Freiheit ihm in weiter Ferne eine Melodie zu sein scheint, die ganze verhüllte und verhehlte Schönheit aufleuchten, für die sein Geist geschaffen war und deren verborgene Dynamik wir unter seiner knappen, sich auf das Notwendigste streng beschränkenden Sprache immer brausen fühlen. Aber alle statische, alle offenbare Schönheit ist verbannt. Es gibt keine Gestalt mehr in dieser Welt. Es gibt keine Landschaften und es gibt keine Blumen mehr in ihr, wie es keine Ideen, keine 43