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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
42 (sequence 12)
Language
German
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Margarete Susman Dies Leid ist es, das Kafka zu realisieren gezwungen ist Aus der Realisierung dieses unsinnigen, nur von ihm so klar erblickten Leides entspringt sein unablässiger Hader mit Gott. Kafka fragt nicht für sich persönlich wie Hiob, sondern für seine Welt. Und doch fragt er nicht allgemeiner, nicht unpersönlicher als Hiob. Denn er personlich ist geschlagen mit dem ganzen Leid seiner Zeit. Sein Ich selbst hat die nackte Wahrheit dieser Weltstunde, ihren ganzen Abgrund ausgemessen. Alles Leid ist hier ganz persönlich erlittenes. Und immer da bricht es am gewaltigsten auf, wo ein stumpfer Blick nichts von Leiden sieht, wo eine Art gleichgültiger, häuslicher Zufriedenheit, beruflicher Befriedigung, äußere Erfolge, wo sogar etwas Ähnliches wie ein ganz klein bißchen Glück ist. So sieht Kafka die ganze unerhörte Fülle des Leidens im Leben eines erfolgreichen und später vergessenen Hungerkünstlers; in dem kindlichen Wunsch eines Trapezkünstlers, dem sein Trapez das ganze Leben ist, nach einem neuen Trapez, das nicht sofort zu bekommen seine ganze bisherige Lebenskonstruktion umwirft; in den glänzenden Erfolgen einer kleinen Zirkusdame, die er mit einer Tiefe der Wahrheit und des Leidens erfaßt, wie sie sonst nur an die größten Gestalten und Dinge gewendet wurde — in den kleinen alltäglichen Berufen: überall dort, wo die Seele vergeblich gesucht wird, wo das Leben leer geworden ist bis zum Grund. Denn überall da — gerade da: auf dem Grunde der Leere, die die Wahrheil unserer Weltstunde ist, erkennen wir bei Kafka die Hand einer verborgenen Macht, die unser Leben unentrinnbar einfordert. So ist in dem großen Roman „Der Prozeß" einem schlichten, pflichtgetreuen Bankbeamten von einer Instanz, die er nicht kennt, um seiner Schuld willen der Prozeß gemacht. Er wird eines Tages von zwei fremden, sehr gewöhnlichen, alltäglichen und doch durchaus unheimlichen Gesellen in seiner eigenen Wohnung festgenommen, und die Untersuchung beginnt. Er kennt sein Verbrechen nicht, er kennt auch seinen Richter nicht. Er weiß sich schuldlos. Er lebt sein alltägliches Leben weiter. Aber er ist aufgejagt. Er beginnt über seine Schuld zu grübeln. Er versteht sie nicht und weiß nicht, was man von ihm will. Er findet in seinem Leben nichts, was ihn schuldig sprechen könnte. Aber nach und nach beginnen die fortgesetzten unheimlichen Untersuchungen, die über ihn verhängt werden und denen er sich zwangshaft stellt, die Formen seines Lebens zu zersetzen. Nichts bleibt beim alten; er ist gestört und verstört. Sein Berufsleben, seine menschlichen Beziehungen zerfallen mit seinem inneren Leben, Sein ganzes Leben nimmt die Gestalt eines wahnsinnigen Angsttraumes an. Und wir be- 42

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