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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 41

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
41 (sequence 11)
Language
German
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka Kafkas grausige „Strafkolonie", in der für die Aufrechterhaltung eines äußerst sinnreichen und um so fürchterlicher grausamen Mordapparates ein Mensch seine Ehre, sein Leben einsetzt und schließlich selbst durch das entsetzliche Ding in einer Art von stumpfem, eisernem Heroismus sich töten läßt. Gräßlicher kann sich der Widersinn, die Verworrenheit und Verkehrtheit unseres Lebens nicht äußern. Es mag damit eine finstere Satire auf den Krieg, auf die heutige Art des Krieges gegeben sein, wie in der Erzählung „Schakale und Araber" eine Satire auf die Revolution. Das spezifisch Unheimliche der Kunst Kafkas ruht jedenfalls hier, wie auch sonst vielfach, darin, daß in einer unerhört sachlichen, leidenschaftslosen, persönlich scheinbar völlig unbeteiligten Art mit erschreckender Präzision und Konkretheit Dinge erzählt werden, wie sie nur in unserem heutigen Leben ihren Ort haben können, und daß sie doch zugleich in jedem Wort den ganzen Widersinn dieses Lebens spukhaft und grauenhaft offenbaren. Oder es ruht umgekehrt darin, daß sich mitten in unserem alltäglichen Leben vollkommen wahnsinnige Dinge mit einer solchen Selbstverständlichkeit ereignen, daß kein Mensch darüber wahnsinnig wird. So wenn in der Novelle „Verwandlung" der bescheidene junge Angestellte eines Morgens als ein — bis in alle Einzelheiten, bis in das mit seinen Formen selbst gegebene Lebensgefühl hinein geschilderter, gleichsam zu seiner eigensten Wirklichkeit erweckter — riesiger Mistkäfer erwacht, sich selbst und seiner Umgebung zum Entsetzen. Aber alle, auch er selbst, gewöhnen sich allmählich an dies Ereignis. Immer erwarten wir noch, daß dieser ganze gräßliche Spuk sich als Traum oder als Wahnvision enthüllen wird; aber nein: das Schicksal desL^nglücklichen wird bis zu seinem Tode grausam schlicht und folgerichtig zu Ende erzählt. Und als es zu Ende erzählt ist, da sehen wir, daß in all diesem Unsinn und Wirrsal es sich um ein schlichtes, einfaches Menschensdhicksal handelt, wie es sich alle Tage vor unseren Augen abspielt oder abspielen kann. Mitten in der Alltäglichkeit ist ein Stück Leben, tatsächlichen heutigen Lebens aufgerissen unter jeden bisher erblickten Abgrund hinab. Es ist unser versachlichtes, entwirklichtes heutiges Leben mit seinem bescheidenen Minimum an menschlichem Empfinden, mit seiner ungeheuren Tiefe an realem, aber von den heutigen Menschen gar nicht mehr realisiertem Leid. Darum ist es ganz ohne Pathos. Selbst die Frage nach dem Warum erstirbt auf den Lippen von Kreaturen, die ihr stumpfes, unsinniges Leid unter das Menschliche hinabgezerrt hat. 41

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