Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 40 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Margarete Susman unseres Daseins den Zugang zu ihnen verloren. So stiften sie in unserem Leben nur Verwirrung; unsere Schuld, unser Leid, unser ganzes Schicksal laufen sinnlos, unzusammenhängend und vollkommen unverständlich ab. Und doch ist überall das Gesetz zu spüren, dessen Übertretung uns die furchtbarsten Strafen bringt, und wir fühlen deutlich, daß dennoch in alldem ein Sinn wohnt, nur , daß wir ihn nicht erfassen können.! Die absolute Transzendenz Gottes ist in seiner gegenwärtigen Verborgenheil i zur absoluten Entfremdung geworden. Göttliche Gerechtigkeit und menschj liehe Gerechtigkeit, schon im Buch Hiob inkommensurabel und unvereinbar, j können nun nicht nur nicht mehr zusammenkommen; sie. scheinen sich auch \ gar nicht mehr aufeinander zu beziehen. Damit wird alle menschliche Gerechtigkeit nicht nur zu etwas Aussichtslosem und Vergeblichem, sondern zu etwas gar nicht mehr real Existentem. Freiheit und Unfreiheit sind gleich sinnlos und vergeblich. Sinn ist da — nur nicht für uns. Aber eigentlich gibt es doch Sinn nur und ausschließlich für uns. Aber es ist ganz aussichtslos, ganz unmöglich, zu ihm zu gelangen. So zeigt es die große und unheimliche Legende „Vor dem Gesetz", in der ein Mensch sein ganzes Leben damit verbringt, nach dem Eingang zum Gesetz zu suchen, den der Türhüter ihm unablässig verwehrt, um zuletzt auf seine Frage, warum nie ein anderer Mensch diesen Eingang gesucht habe, dem Sterbenden, dessen Gehör er kaum mehr erreicht, zuzubrüllen: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten; denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt; ich gehe jetzt und schließe ihn." Der eisige Schauer, der aus dieser Legende weht, sagt: die Schuld — und eine Schuld besonderer Art — ist unentrinnbar mit unserem Leben selbst gesetzt. Es ist die Vernichtigung, die jeden Eingang zum Wirklichen verhindert. Alles, was da ist, auch der Mensch selbst, scheint nur da zu sein, um ihn an der Erreichung seines Zieles, ja, auch aller seiner einzelnen Ziele zu verhindern. Diese Schuld ist gesetzt damit, daß Gott sich von uns zurückgezogen hat und daß wir in dem Zusammenhang mit ihm auch den Zusammenhang mit uns selbst und mit der Welt verloren haben, daß wir nicht mehr wissen, was wir tun sollen. Wenn über die Welt der Arbeit am laufenden Bande, dieser völlig von Sinn und Seele entleerten, rein dem kahlen Nutzzweck dienenden Arbeit, plötzlich das Gesetz Gottes hereinbräche — wenn in ihr die lebendige Schöpfung selbst ihr Recht forderte: so sähe die Welt so aus, wie Kafka sie zeichnet. Dann würde die entsetzliche Umkehrung alles Menschlichen gegen sich selbst, die in ihr geschehen ist, offenbar — dann erscheint eine solche Erzäjhlung wie 40