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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 39

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
39 (sequence 9)
Language
German
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka ihr, gerade auch bei Freud, wenigstens der Form, der Richtung nach, erfahren, was wir zu tun haben — hier, bei Kafka ist die Gesetzmäßigkeit nicht mehr zu erkennen; wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen. Es bleibt in allem zuletzt nur die Frage, wie überhaupt etwas getan werden könne. Zum erstenmal in der abendländischen Welt ist das Gesetz ganz aus dem Leben herausgetreten. Kafka hat — nach einem eigenen Wort — zum erstenmal die bisher immer wenigstens zu ahnende Musik der Welt bis in alle Tiefen hinunter abgebrochen. Er fügt diesem Bekenntnis das Wort hinzu, das von der ganzen Gewalt des auf ihm liegenden Zwanges zeugt: „Manchmal hat er in seinem Hochmut mehr Angst um die Welt als um sich." — Diese Angst um die vor seinen Augen versinkende Welt bricht in allen Erzählungen Kafkas auf. Die Seele hat keine Welt mehr, in der sie sich zurechtfindet. Alles Kosmisch- Anamnetische, alles Ideenhafte, jeder Sinn, wie er bisher in allen abendländischen Gestaltungen waltete, ist verschwunden. Es gibt keine nach Gesetzen geordnete Welt mehr. Das Leben treibt leer in sich selbst Nichts ist darum unmöglich; jeder Widersinn ist in dieser Welt sachlicher Nüchternheit, Geschäftsmäßigkeit — und gerade in ihr, der von allem menschlichen Sinn verlassenen — zugelassen. Man könnte sagen, daß Kafkas unerhörte künstlerische Leistung darin besteht, daß er die Form des Nichts selbst gefunden hat — das heißt nicht jene „Verteidigimg, Verbürgerlichung des Nichts", jenen „Hauch von Munterkeit", den er dem Nichts in seiner Jugend geben wollte, als er es noch in eine Weltanschauung einzufangen strebte, sondern wirklich die Form einer Welt, die keine irgendeiner Anschauung zugängliche Welt mehr ist — die Form des radikalen Nichts selbst. Strindberg, Dostojewski weisen in diese Richtung; sie haben begonnen, was hier vollendet ist, was so radikal nur durch einen jüdischen Geist vollendet werden konnte. Die Unterhöhlung unseres menschlichen Wesens von zahllosen einander widerstreitenden menschenfremden Mächten zugleich: von der Maschine wie von der Triebwelt, von der ökonomischen Struktur wie von der Rationalisierung aller Verhältnisse und Beziehungen bricht in dieser Welt Kafkas offen aus. Die Welt, das Leben selbst ist radikal ausgehöhlt, vernichtigt. Und doch regelt überall ein verborgenes übermächtiges Gesetz, regeln strenge, unübertretbare Gebote einer dem Leben vollkommen transzendenten Macht das Leben. Alle sind sie auf uns bezogen; und doch verstehen wir sie nicht nur nicht — sondern wir vermögen sie nicht einmal zu vernehmen; so fern sind sie uns, so vollkommen haben wir in der Nacht und Unwirklichkeit 39

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