Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 38 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Welt Es ist die rationalisierte, versachlichte und immer mehr von der Sache und von den Sachen überwältigte Welt, in der wir leben, in der die Seele ganz den Dingen unterworfen und von ihnen erdrückt ist. Und es ist zugleich die Welt, in der auch von anderer Seite her der Seele Gewalt geschehen ist, in der sie durch die große Entdeckung Freuds aufgelöst ist zum bloßen Schnittpunkt einander widerstreitender Mächte. Die krasse Wirklichkeit einer allbeherrschenden Sachwelt von oben und die zerfließende Unwirklichkeit der heraufdrängenden Traumwelt von unten haben in gleicher Weise an diesem seltsamen doppelsinnigen Weltbild teil. Die Dinge stehen klar, greifbar, unverwechselbar vor uns, und doch hat diese Klarheit zugleich etwas durchaus Unwirkliches, und keines dieser Dinge scheint einfach es selbst zu sein. Und gegen den Menschen zu wird alles immer undeutlicher, unwirklicher und verschwimmender. Wie Freud in seiner grandiosen Darstellung der Traumarbeit aus dem Gegeneinanderwirken von Trieb und Ich, von Leben und Tod das Zustandekommen des seltsamen Gewebes von Verdichtungen, Verschiebungen, Durchkreuzungen und Verwirrungen erklärt, das der Traum ist, und wie wir daraus zugleich verstehen lernen, daß wir überhaupt nie im Leben voll aus dem Traum erwachen, nie ganz Ich werden, daß wir nicht mehr sind als Ansätze zum Ich — so ist Kafkas eigentümlich nüchterne, überklare Sachwelt zugleich Darstellung eines seltsam verwirrten, gleichsam unfertigen Traumlebens, dessen halluzinatorische Allzuwirklichkeit nur der Ausdruck seiner hoffnungslosen Unwirklichkeit ist, in dem nichts Menschliches ganz und eindeutig zur Gestalt kommt, indem es eine geschlossene menschliche Persönlichkeit nicht gibt. Im Herzen dieses unheimlichen und qualvollen Traumgespinstes, das unser Leben ist, steht das Hiobproblem des Leides und der Schuld. Aber der Zusammenhang zwischen Leid und Schuld ist allen bisherigen Einsichten, auch denen Freuds gegenüber, gelockert. Ja, er scheint gelöst; er ist vollkommen unbegreiflich geworden. Damit scheint Gott noch ferner gerückt als selbst in Freuds atheistischem Bekenntnis — und doch ist Er es allein, von dem jedes Buch, von dem jede Zeile Kafkas redet, um den es in allen seinen Gedanken und Gestalten geht. Das Hadern und Rechten mit Gott um Leid und Schuld tritt bei ihm mit voller Wucht in den Vordergrund. In jedem seiner Worte führt er den einen, einzigen großen Prozeß mit Gott, der nur unheimlicher und verwirrter ist dadurch, daß Gott und sein Gesetz nirgends mehr, weder in der Schöpfung noch über ihr, zu finden, zu erkennen ist. Während wir überall bisher noch irgendeine Gesetzmäßigkeit des Lebens finden, während wir aus 38