Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 37 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka Gott geworden ist. Und dies bedeutet für den jüdischen Menschen noch etwas anderes, weit Katastrophaleres als für den christlichen. Der Jude steht und fällt mit seinem Gott. Dem Christen bleibt noch die ganze Welt; denn in ihr ist ihm das Göttliche einmal erschienen, und sie glänzt davon für immer. Wenn der Jude seinen Gott verloren hat, hat er alles verloren. Die Kehrseite der unbedingten Bereitschaft des Abrahamsopfers ist die vollkommene Verlassenheit des jüdischen Menschen, wenn Gott ihn verläßt. So ist nun erst in dem Aufgehen in die abendländische Welt die Verlassenheit und Heimatlosigkeit des jüdischen Menschen im Exil vollendet. Der Prozeß mit Gott kann auch jetzt nicht aufhören. Er kann nicht schweigen, weil Gott sich verbirgt. Denn auch Hiob verbirgt er sich. Wie er sich Hiob in seinem persönlichen Schicksal entzieht, so entzieht er sich dem modernen Juden im allgemeinen Schicksal. Darum wird der Prozeß mit Gott seine Gestalt ändern — aber gerade darum wird er neu, in einer neuen Form wieder aufgenommen werden müssen: in einer Form, in der Gott ganz verstummt, der Mensch allein redet — in der er aber, auch wenn er Gottes Namen verschweigt, immer nuu mit Gott redet. Die Gestalt Franz Kafkas1) steht in der heutigen abendländischen Welt Sie ist aus ihr nicht zu lösen; sie ist mit tausend Fäden mit ihr verknüpft; sie gehört zu ihr. Zwischen ihm und der Welt des Alten Testaments scheint auf den ersten Blick nichts, aber auch nichts Gemeinsames ^mehr zu bestehen. Dort, im Alten Testament alles Dröhnen des göttlichen Wortes, Atem seiner lebendigen Schöpfung — hier bei Kafka völliges Verstummen Gottes, reine Negativität einer menschgeschaffenen, gottverlassenen Welt. Aber man kann sich der Gestalt Kafkas nur vorsichtig und zögernd nahen; denn hier ist der Zugang zu einem Allerheiligsten zu gewinnen) das in die Profanität der heutigen Welt wie in einen schweren, staubbedeckten grauen Mantel eingehüllt ist, der alle seine Strahlen aufsaugt und festhält. Die Welt Kafkas ist wie sein Stil von einer strengen sachlichen Präzision und Nüchternheit; aber zugleich ist sie eine fremde und unheimliche Welt. Ein labyrinthischer Wahnsinn scheint in ihr alle Wege um sich selbst gedreht und ineinander verschlungen zu haben. Und doch ist diese seltsam unverständliche Welt ganz und gar — nur unter einem gegen alle andere Betrachtung völlig veränderten, sie völlig verändernden Aspekt — die unsere: unsere heutige *) geb. i883 in Prag, gestorben 1924- Seine Werke sind erschienen bei Kurt Wolff (Leipzig) und im Verlag Die Schmiede (Berlin). 37