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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
36 (sequence 6)
Language
German
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I.Iargarete Susman seine anerkennen können; es ist um des Tempels willen heimatlos geblieben auf Erden. Und es hat in noch weit tieferem Sinne seine irdische Heimatlosigkeit auf sich genommen, indem es den inmitten des geschichtlichen Lebens erschienenen Gott abgelehnt und sich rein und unbedingt für den Gott der absoluten Transzendenz entschieden hat. Darum weil es alles für seinen Gott getan zu haben glaubt, ist seine unablässige Frage die Hiobs nach dem Zusammenhang zwischen menschlichem Leid und menschlicher Schuld, die dieselbe ist wie die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit. Sein Leiden selbst, dessen Grund es nicht erkennt, zwingt das Judentum des Exils zur Theodizee, das heißt zu immer erneuten Versuchen, Gott zu rechtfertigen: die Entstehung des Leides und der Schuld und ihren Zusammenhang im Leben zu erklären. Es gibt keine große Leistung des Judentums im Exil, die nicht in ihrem Kern eine Theodizee wäre. Aber diese Theodizee, die schon in der Frühzeit des Exils die innigste Angelegenheit des Judentums war, ändert unter dem Druck der geschichtlichen Entwicklung immer mehr ihre Gestalt. Sie wird in wachsendem Maße von der Berührung und Auseinandersetzung mit der Umwelt ergriffen. Und zwar beginnt dieser Prozeß schon frühzeitig und setzt sich in das Ghetto und durch das Ghetto hindurch fort. Der Chassidismus, diese große Flamme aus dem Herzen des Ghetto, die all sein Trübes und Dunkles in sich hineinreißt und zu Licht verbrennt, ist die letzte große explizit religiöse, das heißt an den offenbaren Gott angeschlossene Theodizee des Judentums. Ein tiefer — ein in seiner Tiefe gar nicht abzumessender — Einschnitt trennt unsere Welt von ihm ab. Erst nach der Auflösung des westlichen, nach der Lockerung auch des östlichen Ghetto beginnt das jüdische Verhängnis die Form anzunehmen, in der wir es kennen. Hier erst, in der modernen Welt erkennen wir: das Leid, die Verlassenheit des jüdischen Menschen war mit seiner doppelten Heimatlosigkeit und mit dem Aufsichnehmen des Leides um seines Gottes willen noch nicht erschöpft. Ein Weiteres kommt hinzu. Seitdem das Ghetto sich geöffnet, sich unter die übrigen Völker aufgelöst hat, hat der Jude am Schicksal der abendländischen Welt unmittelbar teil, und damit kommt über diesen doppelt heimatlosen Menschen die letzte und sein Schicksal erst ganz vollendende Einsamkeit: daß der Gott, um dessentwillen er all dies auf sich genommen hat, für ihn nicht mehr zu finden ist; daß der Gott der Offenbarung, unter den er sich gestellt hatte, in einem nie zuvor geahnten Sinne in der abendländischen Welt, der nun auch er angehört, der verborgene, der gar nicht mehr aufzufindende 36

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