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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
35 (sequence 5)
Language
German
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka Macht von der Ohnmacht, des Ewigen von dem nichtigen, vergänglichen Menschenwesen enthüllt — gerade da erkennt Hiob s e i n e n Gott wieder. Gerade in der Schöpfung ist ihm, dem winzigen, von Gott angerufenen und doch von ihm übergangenen Menschen Gott zum reinen Du geworden: zu dem Du, das in seiner Übergewalt die Antwort auf seine Frage, gerade indem es sie verschweigt, in sich schließt. Du, Du, der Du diese unermeßliche Tat getan hast, der Du dies alles erschaffen hast, das mich in sich befaßt — Du brauchst dem fliegenden Blatt, dem dürren Halm keine Antwort zu geben; denn ich bin Dein. Ich gehöre Dir, bin eingeschlossen in Deine Schöpfung, eingeordnet in Dein Gesetz. Ich erkenne, wer ich bin, da ich sehe, wer Du bist. „Ich habe Dich nun mit den Ohren gehöret, und mein Auge siehet Dich auch." So, in dem Anschauen des Schöpfers ist das fliegende Blatt, der dürre Halm zu etwas anderem geworden. Die Urerlösung gegen das Urentsetzen des Buches Hiob ruht darin, daß der Mensch im Augenblick, wo er Gott als Schöpfer erblickt hat, nicht mehr rechtlos vor ihm im Lebensganzen ertrinkt, sondern in seine Schöpfung aufgenommen ist und als Geschöpf dem Schöpfer anbetend sich beugt. In der reinen Anbetung erst erfährt er Gott als reines Du. Hiobs Prüfung ist vollendet; seine Frage verstummt in dem Augenblick, als die Schöpfung Gottes ihm zur Antwort auf die Frage seines eigensten Daseins geworden ist. Nicht indem er die Ordnung der Schöpfung verstanden und sein Leiden in ihren Zusammenhängen begriffen hätte — sondern gerade indem er sie nicht verstanden hat, indem er nicht mehr verstehen will, wo nichts für ihn zu verstehen ist, indem er seinen Ort in" der Schöpfung Gottes in Demut angenommen und damit sein Leiden auf sich genommen hat Im Schicksal Hiobs, den Gott im Leiden dem Versucher preisgegeben hat, ist das ganze Leidschicksal des Judentums im Exil vorgezeichnet. Wie Hiob nimmt das jüdische Volk sein Leid als von Gott verhängtes auf sich. Aber es nimmt es nicht einfach an. Es will es verstehen. Das heißt, es will den Gott, um dessentwillen es duldet, verstehen. Wie Hiob verlangt es, daß der Gott, unter dessen Forderung und Gericht es steht, der absolute Gerechte sei. Darum lebt auch das Judentum im Exil in einem einzigen Prozeß, einem unablässigen Hader mit Gott. Es hat sein Bestes getan; es ist seinem Gott treu geblieben, es hat sich für ihn entschieden. Es ist um seinetwillen in doppeltem Sinne heimatlos geblieben. Es hat seit der Zerstörung des Tempels und der Wanderung ins Exil kein anderes Land als das, das den Tempel trug, als das 35 3*

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