Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 34 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman sie ihm durch die Strafe für seine eigene Schuld verdeckt ist. So dringt zu dem Schuldlosen der Zorn Gottes unmittelbarer vor. Das Maßlose von Hiobs Unglück erscheint als ein Zeugnis für die Unmittelbarkeit des göttlichen Zornes. Für den Schuldlosen allein ist dieser Zorn nichts als Zorn. Denn für den Schuldigen bedeutet er Gerechtigkeit — für den Schuldlosen bedeutet er reines Entsetzen: das Irrewerden an der göttlichen Gerechtigkeit selbst. Unverstehend, fragend, beschwörend steht er seinem Gott gegenüber, dessen Züge er in diesem sinnlosen Zorn nicht mehr zu erkennen vermag. Und doch fühlt er sich von dieser Gewalt seines Zornes ganz und gar vor Gottes Angesicht hingerissen; weit unmittelbarer, wirklicher als der persönlich Gestrafte erfährt er gerade an der Unverstandlichkeit, der Ungerechtigkeit des göttlichen Gerichtes, daß es das Gericht Gottes ist. Das verständliche, begreif liehe Gericht ist das des Menschen; das Gottes ist das absolut unfaßbare. So wie Hiob durch die Unbegreiflichkeit des göttlichen Gerichtes mit jedem seiner Gedanken, mit allen Fasern seiner zerrissenen Seele unter Gott gepreßt wird, wie er von dem Leid zu einer einzigen brennenden Frage an Gott zusammengepreßt wird: so, in dieser unüberbrückbaren Ferne und entsetzlichen Nähe erfährt nur der schuldlos Leidende den Zorn Gottes. Wie aus zehrendem Feuer schreit Hiob über den allzufernen, allzunahen Gott: „Erbarmet euch meiner, erbarmet euch meiner, ihr meine Freunde, denn die Hand Gottes hat mich gerührt." Das weiß Hiob immer — das ist ihm in all seinem Hader, und gerade in ihm, jeden Augenblick gegenwärtig, daß es Gott ist, der ihn getroffen hat. Nur aus dieser Gewißheit entspringt ja seine unablässige menschliche Frage. Sie selbst ist das Zeichen seines Getroffenseins von Gott Und als endlich Gottes Antwort an ihn geschieht, da geschieht sie nicht dadurch, daß Gott von ihm abläßt, und auch nicht dadurch, daß er sich ihm als der Nahe entgegenneigt, noch dadurch, daß er ihm eine begreifliche Antwort gibt; sie geschieht überhaupt nicht als Antwort, sondern als Gegenfrage Gottes an Hiob. Sie geschieht dadurch, daß Gott ihm die ganze Größe und Gewalt seiner Schöpfung enthüllt, daß er selbst, der Schöpfer der Welt, im Donner seiner Allmacht an ihm vorüberzieht. Und wunderbar: während Gott, ihn in seine Schranken zurückweisend, Hiob die Fragen entgegenschleudert: Wo wärest du, als ich die Erde gründete? Haben sich dir des Todes Tore auf getan oder hast du gesehen die Tore der Finsternis? — kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden oder das Band des Orion lösen? — gerade da, wie er ihm die ganze unermeßliche Entfernung des Schöpfers vom Geschaffenen, der 34