Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 33 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka selbe Gott, dem er vertraut, stellt ja wider ihn im Bund mit dem Bosen, hat ihn, seinen Knecht, im Leiden dem Versucher preisgegeben und ist so über ihn, indem er ihn bis ins Mark seines Lebens getroffen hat, zugleich erbarmungslos seine gewaltigen unverständlichen Wege fortgegangen. Derselbe Gott, dem er zuruft: „Willst Du wider ein fliegendes Blatt so ernstlich sein und einen dürren Halm verfolgen?", derselbe, der ihn so bitter ernst nimmt, daß er ihn täglich heimsucht und versuchet ihn alle Stunden — derselbe verschließt seinem Rufen und Schreien sein Ohr und hört ihn nicht. Und dennoch kann Hiob nicht aufhören, nach seiner Gerechtigkeit zu suchen, weil er fühlt, daß die Züchtigung Gottes, die er erfährt, gar nicht ihm gelten kann. Denn Hiob weiß sich schuldlos. Er wiederholt es immer wieder. Er findet in seinem persönlichen Leben keine Schuld. Er findet in sich keine Antwort auf das Warum der göttlichen Züchtigung. Und Gott antwortet ihm nicht. Und doch zweifelt er keinen Augenblick daran, daß sein Leid eine Züchtigung Gottes ist. Darum kann er, indem er Gottes Gerechtigkeit sucht, nicht ablassen, seine eigene Schuld zu suchen. Aber als er schließlich in diesem unablässigen Suchen auf eine verborgene Schuld seines Daseins trifft, da zeigt sich an ihr die Hoffnungslosigkeit seiner Frage nur noch tiefer. Denn diese Schuld kann gar nicht ihm zur Last gelegt werden, sie ist nicht die seine. Es ist die menschliche Schuld schlechthin, die in seiner Frage aufbricht: „Wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist?" Kein Mensch ist rein vor Gott. Alles Menschliche ist vor der Unbedingtheit Gottes zuvor gerichtet. Darum geht sein Gericht über den Einzelnen, indem es ihn trifft, zugleich hinweg. Denn nur den Einzelnen kann es treffen, auch wo es nicht dem Einzelnen gilt Göttliche und menschliche Gerechtigkeit können nicht zusammenkommen, können sich gar nicht wahrhaft erfassen. Es ist die furchtbare Einsicht in die Vergeblichkeit persönlicher Unschuld, die das ganze Buch Hiob durchzieht. Bis zu der persönlichen Schuldlosigkeit dringt Gott gar nicht vor. Dazu sind wir zu tief in die allgemeine Schuld hineingestellt, zu ursprünglich in unserem menschlichen Dasein schlechthin von Gott gerichtet. Ja, die radikale Hoffnungslosigkeit persönlicher Unschuld zeigt sich darin, daß die Strafe für die allgemeine Schuld mit ihrer ganzen Wucht gerade an dem ausgehen muß, der persönlich schuldlos ist. Der in seinem eigenen Leben Schuldige erfährt — wenn er sie erfährt — die Züchtigung Gottes für seine eigene Schuld. Der persönlich Schuldlose allein erfährt an sich die Züchtigung für die allgemeine Schuld, die den persönlich Schuldigen gar nicht erreicht, weil 3 33