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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
Date
1929-04-01
Page
32 (sequence 2)
Language
German
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Margarete Susman allein zwischen ihm und Gott. Er, dieses fliegende Blatt, dieser dürre Halm, dieses winzige, vergängliche, sterbliche Wesen steht zugleich als dieser unverwechselbare Eine von aller Welt verlassen dem unendlich Fernen gegenüber und wagt es, seine Stimme, diesen Hauch eines Augenblicks, verzweifelnd und anklagend wider den Ewigen zu erheben. Seine Freunde können sein Gespräch mit Gott gar nicht verstehen; sie sehen und hören es nur von außen; sie sprechen von ihm und von Gott „wie der gemeine Pöbel", von außen, subjektlos, allgemein. Sie reden von einer allgemeinen Gerechtigkeit Gottes, von einem allgemeinen Zusammenhang von Schuld und Leid. Unter Hiob aber ist im Leid der Grund des allgemeinen Daseins eingebrochen; er ist hinabgestürzt in den Abgrund des radikalen Alleinseins. Er ist nichts anderes als das reine brennende Subjekt des Leidens: die reine unmittelbare Frage an Gott. Denn Leid ist in alle Ewigkeit nur mein Leid. Es gibt kein Leiden eines Er; er ist als solches einfach nicht erlebbar. Mitleid ist so lange leer und nichtig, als ich das Leid des anderen nicht auf mich genommen und zu meinem eigenen gemacht habe. Das haben Hiobs Freunde nicht getan; darum haben sie weder vom wirklichen Leid noch vorn wirklichen Gott gesprochen; darum sagt Gott: „Sie haben nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob." Hiob aber redet aus seinem Leid zu seinem Gott — zu dem, von dem er sagt: „Denselben werde ich mir sehen, und meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder." Aber er erreicht diesen ganz nahen, diesen seinen eigenen Gott nicht — weil er zugleich der unermeßlich Ferne ist. Das Urentsetzen des Buches Hiob ist das jähe Erkennen, daß die Stimme Gottes auf die Stimme des einzelnen Menschen überhaupt nicht antwortet, daß weder die Stimme des Menschen Gott, noch die Stimme Gottes den Menschen zu erreichen vermag: daß das Schicksal des Einzelnen: m e i n Schicksal, mein Leben — und ich habe ja kein anderes als dieses — rechtlos, hilflos vor Gott im Lebensganzen ertrinkt. Denn was Hiob von Gott verlangt, ist weder Trost noch Aufhebung seines Leides; es ist einzig Gottes Gerechtigkeit. Aber Gott ist viel zu groß und viel zu mächtig, viel zu weit vom Menschen entfernt, als daß er sie ihm gewähren könnte. „Ach daß ich wüßte, wie ich ihn finden und zu seinem Stuhl kommen möchte!" — so ringt Hiob um Gottes Nähe, so ruft, so beschwört er ihn immer aufs neue, auf seine arme versinkende Menschenstimme zu hören — sich von ihm finden zu lassen, ihm die Rechenschaft niont zu verweigern, obwohl seine Wege dem Menschen so unauffindbar verborgen sind. Denn der- 32

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