Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Das Hiob-Problem bei Franz Kafka
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 31 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Hiob-Problem bei Franz Kafka von Margarete Susman Herr, wenn ich gleich mit Dir rechten wollte, behältst Da doch Recht; dennoch muß ich vom Recht mit Dir reden. Jeremia 12. 1. Wer wird ihm erzählen, daß ich rede? So jemand redet, der wird verschlungen. Hiob 37.20. Der Hader mit Gott, der Prozeß des Menschen mit Gott um seiner Gerechtigkeit willen hat im Judentum in frühester Zeit begonnen und niemals aufgehört. Er ist die Kehrseite des Lebens unter dem Gesetz, das die unbedingte Gerechtigkeit Gottes voraussetzt. Je reiner die göttliche Forderung an den Menschen erfaßt und gelebt wird, um so unbedingter muß der Mensch auf seiner Forderung der unbedingten Gerechtigkeit Gottes bestehen. Und an der unerreichbaren Ferne und Überlegenheit Gottes, an der Machtlosigkeit des Menschen ihm gegenüber brennt die menschliche Forderung um so heftiger und leidvoller auf. Aber wenn Jeremia mit Gott hadert, wenn er ausruft: „Gehet es doch den Gottlosen so wohl, und die Verräter haben alles die Fülle... Mich aber, Herr, kennest Du und prüfest mein Herz vor Dir" — wenn er unter der Last seiner Sendung zusammenzubrechen droht: er weiß dennoch immer, warum er leidet Er weiß, daß das ihm auferlegte Leid das Leid seiner Sendung selbst ist; er weiß, daß Gott sein Herz kennt, daß er ihn ausgesondert hat von Mutterleibe an, daß er ihm zu leiden bestimmt hat, weil er ihn erwählt hat, den Abfall, die Schuld seines Volkes auf sich zu nehmen und für sie zu leiden. Sein Gott ist der Gerechte. Anders Hiob. Auch ihm ist Gott der unendlich Ferne, der Übermächtige, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken, dessen Wege nicht unsere Wege sind. Aber er ist mit diesem Gott allein. Nicht sein Volk, nicht die Menschheit trägt ihn, und nicht er trägt sie; er steht einzig für sich selbst Seine Rechnung geht 3t