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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Die jüdisch-christliche Mischehe
Date
1929-04-01
Page
26 (sequence 9)
Language
German
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Georg Salzberger so auch auf die Religion zersetzend wirkt, und daß trotz des Vorhandenseins geschlossener jüdischer Gemeinden der Einzelne sich doch leichter von der Gemeinschaft löst, weil er minder auffällt und also auch minder auf seine Umgebung Rücksicht zu nehmen braucht. Es kommt hinzu die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden mit den Christen, die eine Folge ihrer bürgerlichen Emanzipation ist; sie ist zwar durchaus nicht allgemein, und der herrschende Antisemitismus hat sie stark beeinträchtigt, immerhin lernen Juden und Christen in der Schule und auf der Hochschule, im geschäftlichen Verkehr, wie in allen möglichen Berufen sich ungleich besser kennen und schätzen als früher und nähern sich auf diese Weise einander. Diese Annäherung hat manche Vorurteile beseitigt, die auch ohne Staatsgesetz früher eine Ehe zwischen den Angehörigen der beiden Religionen unmöglich gemacht hätten. Entscheidend aber für die Lösung des Problems ist die wirtschaftliche und soziale Situation und die moralische und religiöse Einstellung. Es handelt sich bei der Mischehe ja nur um einen Teil eines großen Komplexes dringender Fragen unsrer Zeit Was das wirtschaftliche Moment angeht, so hat Walter Krieß es treffend so formuliert: „Die Proletarisierung großer Schichten, das soziale Abhängigwerden der Nation, die damit verbundene Verengerung des Lebens und Verkümmerung der Lebensaussichten: an diesem Punkte erlahmt auf die Dauer die Auftriebskraft der Nation." Aber auch das sittlich-religiöse Moment darf nicht übersehen werden. Unsre Zeit hat nicht nur die erste der beiden steinernen Tafeln vom Sinai zerbrochen, sondern auch die zweite. Für sie handelt es sich nicht mehr um den einen Gott oder die vielen Götter, sie kennt gar keinen Gott mehr, außer dem goldenen Kalbe, das sie in sinnlos wildem Reigen umtanzt Sie kennt zwar den Sabbat, bezw. den Sonntag als gesetzlichen Ruhetag, aber als Feiertag der Seele ist er ihr völlig verloren gegangen. Jenes Gebot, um das sich wie um eine Angel die religiösen und die moralischen Gebote drehen: „Ehre deinen Vater und deine Mutter" gilt ihr vielfach als veraltet Ehrfurcht vor dem Kinde, heißt heute die Parole. „Du sollst nicht morden" lautet das biblische Gebot? „Nicht der Mörder, sondern der Gemordete ist schuld!" „Du sollst nicht stehlen"? aber jedes Eigentum ist Diebstahl. „Du sollst dich nicht gelüsten lassen"? aber die Psychoanalyse, wie sie die Menge versteht, lehrt uns, daß wir für unsere verbotenen Wünsche und Begierden nicht verantwortlich sind, daß sie mit elementarer Macht aus unsrem Unterbewußtsein empordrängen. Und nun gar „Du sollst nicht ehebrechen"? Es gibt wohl keine, seit 26

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