Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 16 (sequence 14)
- Language
- German
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I. Heinemann lieh veränderten Verhältnissen unserer Zeit für die Friedensarbeit eingesetzt werden können, so scheint mir am wenigsten wirksam, derjenige hellenische Gedanke, den wir den „rationalen" nannten: der Gedanke also, daß wir die Vernunftordnung der Natur auf das Leben der Menschheit übertragen sollen. Wir sehen heute das Irrationale in der Natur schärfer als der Hellene; und vor allem: wir lehnen es in Kants Sinne ab, das Reich des Sollens nach dem Reiche des Seins zu gestalten. Um so fruchtbarer kann für uns die rationelle Begründung werden. Denn zwar nicht das Schwert, wohl aber Technik und Wirtschaft haben eine Einigung der Menschheit vollzogen, von der sich die Männer, die vor 2000 Jahren von dem „einen Leibe der Menschheit" sprachen, nichts träumen ließen. Wie der Erntesegen Amerikas und Indiens, so macht sich jedes politische Fernbeben auf viele Tausende von Meilen fühlbar; und denkt man gar an die furchtbaren Zerstörungswirkungen der Kriegsmittel der Gegenwart und erst recht der Zukunft, so wird man in ganz anderem Sinne als einst der griechische Weise sagen dürfen, daß wir Menschen auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind und daß wir von keiner Naturgewalt soviel Nutzen noch Schaden erwarten dürfen wie voneinander. So wird denn zweifellos heute das rationelle Argument das wirkungsvollste der Friedensbewegung sein, aber zugleich — das gefährlichste. Denn wir müssen es verstehen, daß von den Männern, wie sie im Weltkrieg ihr Leben in Flugzeug und im U-Boot willig für das Vaterland einsetzten, gar mancher da, wo Sein und Ehre dieses Vaterlandes und die Zukunft seiner Kultur in Frage steht, jedes Sorgen um Nutzen und Schaden für kleinlich und krämerhaft hält. Die ausschließliche Begründung der Friedenserwartung auf Zweckmäßigkeitsgedanken führt sehr leicht dazu, daß man die Friedensidee selbst als reine Nützlichkeitsidee auffaßt, über die eine heldenhafte Gesinnung sich hinwegsetzen kann und soll. In Wahrheit wird eine derart flache Auffassung schon dem rationalen Glauben an die „Eintracht", die sich logisch und ethisch aus der Gleichheit der Menschen ergibt, nicht gerecht, geschweige dem religiösen Ideal des schalom, das nur aus seinem eigenartigen Grund gefühl und im Zusammenhang mit den anderen Forderungen der Lebensgestaltung begriffen werden kann. So wenig wie sich der Sabbatgedanke erschöpft in Bestimmungen über die Sonntagsruhe der Angestellten, so gewiß im Schofarruf des Jobeljahres ein Ton hörbar wird, der in der weitestgehenden Sozialreform, zumal der durch Klassenkampf erzwungenen, fehlt, so wenig geht der auf den Glauben an den religiösen Sinn des Rechtes gegründete Schalomgedanke der Propheten ein in noch so zweck- 16