Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
Date
1929-04-01
Page
15 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895485-2899573--03382-2899634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Idee des Völkerfriedens im Altertum Stellung unserer Väter erst geschaffen hat, konnte ja durch <lie fast völlige Ausschließung der Juden vom. Kriegsdienst während des Mittelalters den Schalom-Gedanken nur bestärken, der sich aus der biblisch-rabbinischen Lebensanschauung längst ergeben hatte. Aber freilich lag in diesem Gedanken mehr als bloßer Pazifismus; und wenn gerade Juden sich mit der Verwerfung der Waffengänge nicht begnügten, sondern ein weit umfassenderes Ideal vertraten, ohne die Kriegsgegnerschaft scharf herauszuheben, so ist das bei ihnen, die mitten im „Frieden" grausamste Gewalt erlebten, nicht gerade zu verwundern. * * Dieser Einblick in die Kräfte, aus denen der Friedensgedanke der Griechen und Juden hervorging, ist nicht nur von geschichtlichem Wert. Es ist wohl behauptet worden, der Friedensgedanke sei Furcht und Symptom einer tiefen Ermüdung der Menschen: wir sehen ihn aber gerade in Zeiten der Kraft und Blüte erwachen, und zwar im Geiste von Männern, die zu den kühnsten Führern ihrer Völker gehört haben; die Geschichte hat seine Entwicklung im ganzen mindestens ebensosehr gehindert wie gefördert Und auch so steht es nicht, daß etwa ganz unwillkürlich durch das Hervortreten neuer Lebenswerte wissenschaftlicher und künstlerischer Art das Ansehen der kriegerischen Wertungen nach und nach gesunken sei: hat doch in Deutschland im 19. Jahrhundert trotz der Blüte der Wissenschaft eine Wertschätzung des Krieges Platz greifen können, für die die Goethezeit schlechterdings kein Verständnis besessen hätte. Vielmehr ist es kein Zufall, daß gerade diejenigen Völker zu Schöpfern der Friedensidee geworden sind, denen die neuere Kultur am meisten verdankt Demi sie entstammt eben jenen Kräften dieser Völker, welche in der Neuzeit mächtig fortwirken: der Kraft des Hellenen, die Wirklichkeit rational zu durchleuchten — der des Juden, die Spuren Gottes in der Sterblichkeit zu erkennen. Und überall, wo wir glauben, daß sich Gottes Walten oder Wollen unserer Vernunft und Wissenschaft offenbart, treffen und wirken notwendig hellenische und jüdische Kraftlinien zusammen; so spüren wir auch bei der Arbeit für Völkerversöhnung und Weltfrieden zugleich griechischen wie jüdischen Boden unter den Füßen. Wenn wir also von hier aus verstehen, weshalb griechische und jüdische Kräfte zusammenarbeiten dürfen und sollen, so ist auch der Einblick in den wesentlichen Unterschied dieser Kräfte uns wertvoll, nicht nur für unsere wissenschaftliche Erkenntnis, sondern selbst für die praktische Arbeit. Wenn wir fragen, welche antiken Beweggründe für den Weltfrieden unter den erheb- \5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.