Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 14 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895485-2899573--03381-2899633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I. Heinemann Sieg bezeichnet, die neue Bedeutung der Milde; die Worte zedek zedek tirdof verpflichten nach dem Midrasch nicht zur Durchführung des Rechtes, sondern zur Aufsuchung mildernder Umstände für den Beklagten; das fem» z'daka bedeutet nicht mehr, wie in der Bibel, jede Art des Wohlverhaltens, sondern wird nun zum Fachausdruck für Mildtätigkeit. So gewiß sich auch hier nur Kräfte auswirken, die schon im alten Judentum fühlbar sind, seit Elia Gott im sanften Säuseln deutlicher als im Sturmesbrausen vernahm, so unverkennbar ist doch die stärkere Geltung dieser Kräfte, die der Schätzung des Krieges und wilder Heldentugend starken Abbruch tun mußte. Am deutlichsten zeigt sich die Zunahme des pazifistischen Empfindens in der Veränderung, die sich jetzt im Geschichtsbild vollzieht. Nur äußerst selten weiß das apokryphische oder midraschische Schrifttum von kriegerischen Heldentaten zu erzählen; die alten Recken wie Jiftach und Simson treten in der Ejinnerung zurück; David lebt nicht als Goliatsieger, sondern als Psalmdichter fort; die Heldengestalt einer Debora verfällt abfälliger Beurteilung — genau wie in Deutschland die wilden Züge an Siegfried dem Drachentöter im Nibelungenlied unter christlichem Einfluß gemildert werden und Hans Sachs aus dem Helden einen wilden Raufbold macht. Von den Heldentaten der Makkabäer und des letzten Volkshelden Bar Kochba findet sich in denjenigen Schriften, die in der jüdischen Gemeinschaft fortleben, nur selten ein Wort; in eigenartigem Gegensatz zu den Erinnerungen aller anderen Völker erfahren wir aus unserem Schrifttum fast nur Niederlagen und Verfolgungen, dagegen die vorübergehenden Erfolge jüdischer Aufstände fast immer nur aus den Berichten unserer Gegner. Die „Waffen", mit denen Vater Jakob nach Gen. 48, 22 den Sieg erringt, sind nach dem Midrasch Weisheit und Gebet; die „geharnischten Männer", von denen der Talmud spricht, sind die Kämpen des Lehrhauses; der alte Titel des „Buches der Kriege Gottes" kehrt im Mittelalter häufig wieder, um das Ringen nach geistigen, zumal weltanschaulichen Wahrheiten zu bezeichnen. Wie tief sich aber diese pazifistischen Wertungen weltanschaulich verankern, zeigt das Gebetbuch: das tägliche Hauptgebet, das Tischgebet, das Kaddisch münden alle aus in das Zauberwort des Priestersegens, in die Bitte um „schalom". Wohl ist es im nachbiblischen Judentum nicht zu einer so klar gefaßten Ächtung des Krieges gekommen, wie bei manchen Quäkern. Aber das liegt schwerlich daran, daß man weniger weit als jene vom Militarismus und seinen Werturteilen entfernt war. Denn auch das Leben, so wenig es die friedensfreundliche 14