Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 13 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895485-2899573--03380-2899632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Idee des Völkerfriedens im Altertum einem Philanthropen reden, so meinen wir einen Wohltater, einen Mann, der diejenigen liebt, zu denen er selbst, erfreulicherweise, nicht zählt. Das ist in der Tat auch der ursprüngliche Sinn des Wortes; und es hat ihn nie völlig verloren, trotz der Vertiefung, die die Stoa ihm gegeben. Dagegen enthält b'ria die Mahnung an Gott als den Schöpfer aller Menschen; das Wort weckt nicht nur Gefühle der Demut, sondern es gibt auch der Lehre von der Gleichheit aller Menschen die religiöse Grundlegung. Seine besondere Bedeutung für den Friedensgedanken erhält dieser Begriff aber durch den besonderen Wert, den er dem Individuum gibt. Es ist verständlich, daß nie ein Volk als b'ria bezeichnet wird, stets nur ein einzelner. Daher kann dieser Begriff zum Gefäß des religiösen Individualismus werden, der gewiß nicht minder wie der Glaube an den Schöpfergott aus biblischer Wurzel stammt, allerdings aber im rabbinischen Denken noch stärker hervortritt als im biblischen. Er macht sich geltend im Zivilrecht, da dem Vater die Befugnis, die erwachsene Tochter zu verheiraten, entzogen wird — im Strafrecht, da das Urteil der Bibel über eine abgefallene Gemeinde nur nach Prüfung der Schuld eines jeden einzelnen Mitgliedes vollstreckt werden darf. Und von hier aus gewinnt auch die Friedensfrage eine neue Beleuchtung. Als Abraham durch einen Feldzug seinen Verwandten befreit hatte, quälte ihn nach dem Midrasch Tanchuma die Frage: ist vielleicht unter den Menschen, deren Tod ich herbeigeführt, ein einziger, der es nicht verdient hätte? Gewiß hatten auch die Propheten im Kriege nicht nur die Auseinandersetzung der Völker gesehen: die ältesten Prophetenreden, die wir haben, geißeln Kriegsgreuel gegen einzelne. Gewiß also in ihrem Sinne, aber doch deutlicher als in ihren Worten wird hier dem Kriegführenden die Verantwortung — nicht nur für das Schicksal des fremden Volkes, das er vergewaltigen will, sondern für jedes Einzelschicksal, in das er zerstörend eingreift, zugeschoben. Diese Verantwortung mußte aber um so tiefer empfunden werden, je stärker das rabbinische Judentum dazu neigte, die Gewalt selbst in ihrer berechtigten Form, als Strafe, nach Möglichkeit auszuschalten. Das biblische Judentum hatte den Krieg von Gott her nur als Strafe verstehen können; die Anwendung zerstörender Gewalt in der Strafe enthielt für es kein Problem. Das rabbinische Judentum dagegen beschränkt auch im Privatleben die Anwendung des biblischen Strafrechts durch Klauseln, die, wie man ganz klar empfindet, praktisch die Todesstrafe nahezu aufheben. Unter dem Einfluß solcher Empfindung gewinnt das alte Wort zedek, das in der Bibel das Recht, aber auch den 13