Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
Date
1929-04-01
Page
12 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895485-2899573--03379-2899631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

I. Heinemann innerlicher Befriedigung, die das höchste Gluck des einzelnen ausmacht, auf die Menschheit. Wir haben hier nicht zu zeigen, wie der Zauberklang des hebräischen Wortes sich schon im Neuen Testament auf eirene, bei Augustin auf pax überträgt und wie er auf Rede- und Denkweise christlicher Denker wirkte, wie er insbesondere nachhallt in jenem Rufe „pace, pace" des italienischen Dichters, mit dem Walter Rathenau seine Genfer Rede schloß. Wohl, aber haben wir zu erkennen, wie das prophetische Ideal in unserem eigenen Kreise, in dem angeblich so unfruchtbaren „Spätjudentum", gewahrt und weiter ausgestaltet wurde. Die Zeitverhältnisse waren ihm hier nicht günstig. Dasselbe römische Imperium, das in den griechischen Denkern die Erwartung auf die Erfüllung ihrer Hoffnung, der organisatorischen Einigung der Menschheit, weckte, entsprach der jüdischen Vorstellung des auf Recht und auf Anerkennung der Völkerpersönlichkeiten gegründeten Friedens keineswegs: das Judentum wehrt sich gegen den übermächtigen Druck in fortgesetzten blutigen Aufständen. Überdies wurden die Juden zum Kriegsdienst herangezogen; erst im 4- Jahrhundert hat die Kirche ihre Ausschließung vom Heeresdienste, der mit gewissen Privilegien verbunden war, durchgesetzt. Kriegsungewohnt waren also die Juden der rabbinischen Zeit nicht; und mehr noch als die Kenntnis der Waffen mußte dem Friedensideal und der umfassenden Menschheitsidee der tiefe Groll entgegenwirken, den die blutige Unterdrückung' der Erhebungen und das dumpfe Gefühl rettungsloser Preisgabe an den übermächtigen Gegner immer wieder wachrief. Andererseits aber vollzieht sich ja gerade in der hellenistisch-römischen Zeit jene tiefe Durchdringung des jüdischen Volkes mit den religiösen Ideen seiner besten Geister, die Färbung der gesamten Volksseele mit den Gedanken, für die einst nur Auserlesene hatten kämpfen und leiden müssen. Und wie einst die Propheten den Schalom-Gedanken des Sprachgeistes in unerhörter Weise ausgewertet und lebensanschaulich durchgeführt hatten, so befruchtet jetzt der prophetische Gedanke die sprachbildende Volksseele und prägt uralte Worte um zu Gefäßen des Menschheits- und Friedensgedankens. Das erste dieser Worte ist b'ria. Es bedeutet eigentlich Schöpfung oder Geschöpf; so findet es sich auch in der Bibel. Aber im rabbinischen Schrifttum bedeutet es vorzugsweise den Mitmenschen. In der Wendung oheb et habbriot schafft der jüdische Sprachgeist den Gegenbegriff zum griechischen philanthropos. Aber doch einen Gegenbegriff eigener Art. Wenn wir heute von 12

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.