Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 9 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Idee des Völkerfriedens im Altertum Dennoch wird man sich darüber klar sein müssen, daß man aus der Bibel nicht schlechtweg auf das ganze altisraelitische Schrifttum schließen darf. Manche Anspielungen der Bibel lassen keinen Zweifel darüber, daß jenes Schrifttum einen erheblich kriegsfreudigeren Charakter trug, als aus ihrer Auswahl erkennbar wird. Die Bibel kennt ein ganzes „Buch der Kriege Gottes", dessen Inhalt sich unschwer erraten läßt: sie selbst hat uns daraus nur ein harmloses Liedchen erhalten. Sie läßt Vater Jakob von Zeiten erzählen, da er „mit Schwert und Bogen" gegen die Emoriter zog: einen Bericht über diese Kämpfe gibt sie uns nicht. Und doch klingt noch heute in jüdischen Namen wie Wolf und Lob ganz unbewußt die Wildheit einer Zeit nach, da der gleiche Patriarch seine Söhne segnend vergleichen konnte mit dem Wolf, der das Wild zerreißt, und dem Jungleu, der sich drohend aufrichtet auf der erlegten Beute. Aber eben weil die ganz wenigen Stellen der Bibel, an denen sich eine Bewunderung kriegerischer Leistungen zu bekunden scheint, in Wahrheit nur schwache Spuren einer älteren kriegsfreudigeren Betrachtungsweise darstellen, ist die Auswahl, die die Bibel trifft, bezeichnend — nicht für das Volk, aus dem ihr Rohstoff hervorgegangen, wohl aber für die Führer der religiösen Bewegung, die diese Auswahl getroffen haben. Es ist ein unbewußtes und eben deshalb um so lauteres Zeugnis dafür, daß dem Geiste der Religion, wie er bereits unseren ältesten Erzählungen zugrunde liegt, die Bejahung des Kriegs und der Kriegertugend widersprach, die wir für weite Volkskreise voraussetzen müssen. Und so finden wir denn bereits in vorprophetischer Zeit die bezeichnende Erklärung der Sitte, den Altar aus unbehauenen Steinen zu bauen: „So du dein Schwert über ihn geschwungen, hast du ihn entweiht". Daher soll der Tempel Gottes nicht von David erbaut werden, „der so viel Blut vergossen", sondern von seinem Sohne, dessen Name Salomo nicht umsonst „Friedensfürst" bedeute. Der Bund zwischen Religion im biblischen Sinne und Friedensgedanken, der sich hier ankündigt, kommt zu deutlichem, weithin tönendem Ausdruck in jenen Schilderungen einer Zeit, da Gott den Krieg austilgt, die Bogen zerbricht, die Lanzen zerknickt, die Streitwagen verbrennt und den Völkern den Frieden verkündet. Ich brauche die Friedensweissagungen der Propheten und Psalmisten hier nicht einzeln zu nennen, noch, wie es oft geschehen, den Umbildungen der Eiazelzüge nachzugehen. Soll neues Licht auf das Verständnis dieser grundlegenden Worte fallen, so mögen zwei Fragen gestellt werden, an denen die seitherige Betrachtung vorübergegangen ist: die Fragen, wie sich 9