Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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I. Heinemann selbst seine Kraft einem König, der die alte Frage, ob die Makedonen zu den Hellenen gehören, entschieden hatte, indem er sein Schwert in die Wagschale warf. Und als nun gar Alexander den Westen und den Osten zu einem Weltreich verband, den Unterschied zwischen freien Hellenen und unfreien Orientalen aufhob und zugleich die Möglichkeit zu dauerndem, unbefangenem Kennenlernen und Zusammenarbeiten schuf, da ergab sich freilich, daß weder jene einheitliche Zusammenfassung der Nichthellenen zu einer Barbarenmasse noch das Vorurteil über ihre Sklavengesinnung berechtigt war. Mit einem an Lessing gemahnenden Mute des Aufklärers mahnt Eratosthenes, einer der größten Gelehrten des 3. Jahrhunderts, die alte Abstufung von. Hellenen und Barbaren überhaupt fallen zu lassen und sie — ganz im Sinne des „Nathan" — durch die Scheidung guter und schlechter Menschen zu ersetzen, die es allenthalben gibt. Noch weiter geht die stoische Schule, an deren Begründung und Weiterbildung Nichthellenen starken Anteil haben: sie setzt an Stelle des aristotelischen Bildes vom Menschen als Staats- und Stadtbürger die neue Vorstellung vom Kosmopolites, dem Bürger des Weltstaates, dem als einziges Gut das Gleichmaß der Seele gilt und alles äußere Wohlergehen einschUeßlich des Schicksals des Staates, in dem er zufällig geboren ist, zu den „Adiaphora" (gleichgültigen Dingen) gehört. Der Krieg wird jetzt nicht nur verworfen, sondern auch ein Weg zu seiner Überwindung gezeigt: wenn jeder Mensch sich nur als Bürger des Weltstaates fühlt, dann kehrt die goldene Urzeit wieder, da nicht Streit noch Kriegslärm zu hören war auf Erden. So gewiß nun aber diese Verwischung der Unterschiede zwischen den Menschen den tatsächlichen Zuständen des ausgehenden Altertums entgegenkam, so unvereinbar schienen mit dem Friedensideal des Kosmopolitismus die furchtbaren kriegerischen Verwickelungen der Zeit, die die Kriegsfackel von einer Küste zur anderen herüberwarf. Aber seltsam genug: auch diese Schwierigkeit zerhieb — das Schwert. An Stelle der Nachfolgestaaten Alexanders trat Rom. Und während im Streit der Diadochen untereinander das Kriegsglück wechselte und eine Aussicht auf Frieden nicht abzusehen war, schritt die neue Großmacht unaufhaltsam von einem Siege zum anderen; mochte man es begrüßen oder beklagen, unmittelbar bevorzustehen schien allerdings die organisatorische Einheit der Menschheit unter römischen Szepter. Erst jetzt webt sich aus kühnem wissenschaftlichem Idealismus und klarem Wirklichkeitssinn das erste große System des Pazifismus. Entworfen hat es Panaitios von Rhodos im 2. vorchristlichen Jahrhundert, ein Haupt der 6