Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Idee des Völkerfriedens im Altertum Natur; denn das Ähnliche ist dem Ähnlichen von Natur verwandt; und nur die Satzung, der Tyrann der Menschen, erzwingt so vieles wider die Natur". Und nun erwarten wir von den großen Führern hellenischen Denkens, den Weiterbildnern der Idee des in sich ruhenden Rechts- und Sittlichkeitsgedankens, die Vollendung der Friedensidee. Aber wir erfahren eine schwere Enttäuschung. Der Gegensatz der Menschen untereinander, also hellenisch ausgedrückt die Scheidung zwischen Hellenen und Barbaren, die bei Homer nur angedeutet, bei Heraklit rein innerlich gefaßt war, wird wohl schon von Sokrates, sicher von Piaton, unglaublich verschärft. Der Krieg zwischen Hellenen und Barbaren beruht nach ihm auf einer natürlichen Feindschaft, die den Gedanken an Versöhnung ausschließt und auf Vernichtung des Gegners ausgeht. Ganz im Sinne dieser Abstufung rät Aristoteles seinem königlichen Schüler, die Hellenen wie Freunde und Verwandte, die Barbaren wie Tiere und Pflanzen zu behandeln. Nicht die Baumeister der hellenischen Kultur, sondern weit eher die Männer, die man in gewissem Sinne vielleicht als ihre Zerstörer bezeichnen dürfte, Sophisten und Redner, sind die Hauptpfleger des völkerüberbrückenden Friedensgedankens in der sog. klassischen Zeit. So wenig dieser Tatbestand aus der reinen Gedankenbewegung deutbar ist, so leicht verständlich wird er aus der Geschichte. In den Männern, die sich mit Athen nicht nur politisch, sondern auch seelisch tief verbunden fühlen, hallt das Grunderlebnis attischer Kultur mächtig nach: das Erlebnis der Perserkriege, da freie Männer vorübergehend die Häuser und die Tempel der heimischen Götter hatten verlassen müssen, um sie der Brandfackel überlegener Feindesmassen preiszugeben. Unter dieser Wirkung schließt sich dem Empfinden nicht nur die ganze außerhellenische Welt, deren Vertreter damals gegen Hellas zusammenstanden, zu einer einheitlich empfundenen Masse zusammen, deren man mit Schrecken und Haß gedenkt, sondern man fühlt vor allem den inneren Gegensatz zwischen diesen Königsknechten, die auf Befehl ihres Tyrannen ein freies Land und seine Götter bedrohen, und den Hellenen, die nur dem ungeschriebenen Gesetz der Natur und den selbstgegebenen Ordnungen ihrer Staaten folgen und in ihrem Drama einem Perser die staunende Kennzeichnung ihres Wesens in den Mund legen: „Keines Menschen Knechte sind sie, keinem König Untertan". Aber jene Abstufung von Hellenen und Barbaren, die gerade bei den größten Söhnen griechischer Kultur am verständlichsten ist, bestand bereits nicht mehr in vollem Umfang, als Aristoteles schrieb. Lieh doch der Philosoph 5