Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Die Idee des Völkerfriedens im Altertum
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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I. Heinemann im Kriege und in seinem Gleichnis, dem Wettkampf, zeigt sich doch die wahre Tugend des Mannes; selbst der listenberühmte Odysseus ist tief gekrankt, da man seine Kriegerkraft bezweifelt. Wodurch wurde dies alte kriegerische Ideal überwunden? Niehl durch die Mächte des Staates und der Wirtschaft — die zunehmende Rechtsordnung und den völkerverbindenden Handel. Denn diese Mächte haben auch anderswo gewirkt; und nirgends sonst haben sie die Forderung des Völkerfriedens in der Form erzeugt, wie wir sie in Hellas finden. Vielmehr erwuchs hier der Friedensgedanke aus dem eigenartigsten und vielleicht wertvollsten Zuge hellenischer Art: aus dem Bedürfnis nach logischer Durchdringung der Wirklichkeit Die Wissenschaft ist hier die Mutter des Pazifismus. Zwar wissen die ältesten Systeme des hellenischen Denkens vom Friedensgedanken noch nichts: im Gegenteil! Liebe und Haß walten, wie im Menschenleben, so auch verbindend und scheidend im Naturgeschehen; und derselbe dunkle Denker, nach welchem eine Vernunftkraft die Natur zusammenhält, wie die Wörter eines Satzes durch den Sinn zur Einheit werden, nennt doch zugleich den Krieg als Ursache des Einzelwerdens den Vater aller Dinge. Und doch enthalten diese Spekulationen den Keim zum griechischen Friedensgedanken — in doppelter Richtung. Zunächst wird die Rechtsanschaüung auf eine neue Grundlage gestellt. Denn die ordnenden Kräfte der Natur gelten als verbindlich auch für das Handeln der Menschen. Jenseits des geschriebenen Rechtes gibt es ein ungeschriebenes Gesetz — jenes selbe Gesetz, das Antigone zum Widerstand gegen die Vorschrift des Hasses treibt, die Kreon erlassen. Und nun versteht es sich keineswegs mehr von selbst, daß das Völkermorden deshalb gut und berechtigt ist, weil die Staatsgesetze es vorschreiben. Der Krieg, nebst seinen Methoden und seinen Folgen, kann und muß zum Problem werden. Auf die Lösung des Problems aber wirkt notwendig eine zweite Erkenntnis, die sich aus jenen Spekulationen ergab: der Einblick in die Zusammengehörigkeit aller derer, in denen jene Vernunftkräfte bewußt wirksam sind, also zunächst aller Menschen; ja, selbst die Tiere werden da, wo man an die Seelenwanderung glaubt, in den Bruderbund der Vernunftwesen einbezogen. Das Verbot der Tötung von Tieren ist, so paradox es klingt, sogar älter als die uneingeschränkte Gegnerschaft gegen den Wechselmord im Kriege. Aber es kommt natürlich, im Athen des Perikles, auch schon zu Sätzen wie diesem: „Wir Menschen alle sind Verwandte, Freunde und Mitbürger von 4