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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 627

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Etzel Andergast
Date
1929-02-01
Page
627 (sequence 3)
Language
German
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Btsel Andergast, Studie zum Fall Maurizius schutzbedürftige Prinzessin ist. Ein solcher "Verzauberter ist immer ein „Ritter von der traurigen Gestalt". So aber trägt Etzel sehr irdische, reale Züge im Wesen; er hat scharfen, klaren Verstand, er steht so nüchtern und bewußt zu seiner Idee, daß er sogar Raffinement und Verstellungskunst aufbieten kann, um ihr zu dienen. So braucht er weder wie die eine Gruppe von Romanhelden zum Schluß zu Boden zu stürzen, noch wie eine andre mit verlorenen Illusionen traurig zu verschwinden, er hat Wille und Überlegung genug, um ans Ziel zu kommen, d. h. zum Geständnis Waremmes und damit zum bündigen Beweis der Unschuld des Maurizius. Daß er tatsächlich zu spät an dieses Ziel kommt, weil Maurizius keine Lebenskraft mehr besitzt — das zu ändern, steht nicht in seiner Macht. Diese helle Kühle Etzels wird durch ein äußeres Moment begründet; es heißt, die Mutter wäre niemals zärtlich zu ihm gewesen, um ihn nicht zu früh in die Wirrnis des Gefühls zu stürzen. Daraus geht aber auch mancherlei für die innere vererbte Struktur seines Wesens hervor. Vermochte die Mutter wirklich eine solche übermenschliche Zurückhaltung gegen dieses Licht ihrer kalten, dunklen Ehe zu üben, dann kann auch sie kein weiches, überströmendes Gemüt besitzen, und was vom Vater an Bändigung und Beherrschung auf dieses Kind vererbt werden konnte, das ist gewiß von nicht geringem Gewicht. So sehen wir nichts Weiches, Träumerisches, Sehnsüchtiges in diesem Knaben, er ist zwar nicht ohne Wärme, aber sie brennt in seinem Geist. „Sein Intellekt fing Feuer", sagt Wassermann sehr bezeichnend von ihm, er hat in der Tat nur geistige Leidenschaft; und an einer anderen Stelle: „er war besinnungslos bei eiskalter Besinnung"; das ist das Entscheidende: ein hoher Grad von kühler Bestimmtheit und geistiger Ordnung bewahrt ihn davor, sich romantisch zu verlieren. Das ist in seinem Verhallen zu allen Personen zu beobachten, der bejammernswerte Vater Maurizius ist für ihn ein alter Trottel, der ihn ekelt, der Wirtschafterin gegenüber fühlt er sich vor allem überlegen, wenn er in die Hölle des Hauses Maurizius durch die Berichte hineinsieht, da ergreift ihn weniger das Leid, die "Verzweiflung, der Kummer der Menschen als vielmehr seine Aufgabe, die Sache, die ihm unbeirrbar vor Augen steht. Auch als er das wiederaufflammende Herz Waremmes in seinen Händen fühlt, heißt es nur: „er sah ihn kalt und bestimmt an." Jugendliche Herbheit mag an diesem Verhalten beteiligt sein; wir sollen ja einen zweiten Band erleben, möglich, daß der Jüngling, der Liebhaber Etzel sich hierin wandelt. Auch die Entwicklung der Zeit spielt zweifellos dabei eine Rolle: unsre Jugend, die am Radio die Resultate von Ozeanflügen abhört, ist notwendig anders als die Jugend der Wertherzeit, die bei einem Frühlingsgewitter unter Tränen den Namen „Klopstock" flüsterte, aber alles äußere, das wir mit hineinbeziehen, kann nicht über die auffallende Tatsache hinweghelfen, daß diesem Knaben das rein Gefühlsmäßige, Dumpfe, Schwebende, das Verlieren im Grenzenlosen, das so oft das Element der Jugend ist, fehlt. Es wird uns besonders in dem Gegensatz klar, den der gleichfalls Sechzehnjährige in Kafkas Novelle „Der Heizer" repräsentiert. Dieser Knabe weint über die Ungerechtigkeit und steht voll Zärtlichkeit und banger Bewegtheit 627

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