Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Etzel Andergast
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Else Meidner: Etzel Andergast, Studie zum Fall Maurizius bei jenem Heizer, dem man Unreht tat. Er macht auch Versuche ihn zu retten, aber bei aller Aufgewühltheit zieht er schließlich seine Finger aus denen des Heizers und verläßt ihn unter Tränen. Das ist wohl der springende Punkt: die kühle Festigkeit Etzels, dieser durch keine rührselige Regung gelähmte, unbeirrbare Geist ist die Bedingung, auf der sein Sieg beruht; so ist das seelische Gefüge eines Menschen beschaffen, der seine Ziele erreicht. In demselben Sinne sagt Marcel Proust, dieser tiefe Kenner der menschlichen Seele, daß der Maler Giotto nicht ohne Grund seinen Bildern der „Gerechtigkeit" und „Nächstenliebe" so wenig ansprechende Gesichter gegeben habe, denn auch die Hilfreichen in frommen Klöstern, die förmliche Inkarnation der Nächstenliebe derselben, haben immer das frische, kühle, bestimmte, gleichgültige Aussehen eines vielbeschäftigten Chirurgen, und er schließt seine Analyse mit dem paradox scheinenden Wort von dem „unsympathischen, überlegenen Gesicht der wahren Güte". Auch die phänomenologische Untersuchung des Philosophen Scheler, die das Wesen der Barmherzigkeit aufweist, kommt zu einem ähnlichen Resultat. So mögen diese Beispiele bestätigen helfen, daß Etzel Andergast nicht nur „wahr", sondern mehr als „wahr", möglich ist, das Wort im Sinne unsrer besten Ästhetik gebraucht: er ist einer der Sonderfälle, der mit innerster Wahrhaftigkeit und Konsequenz aus der allgemeinen Idee des Menschlichen folgt, die ihn bestimmt, d. h. eben ihn möglich macht. So leuchtet er in einer Welt von toten, erloschenen und verdorrten Seelen um der Klarheit des Lichtes selber willen; er sieht vor der Gewalt der Forderung gar nicht die Probleme der Gerechtigkeit. „Es muß verwirklicht werden können"; dieser Gedanke, in dem sich die Ideen zur Wirklichkeit neigen, ist sein Leitmotiv; er glaubt noch, daß das, was sein soll, auch sein muß, weil wie Morgenstern tragikomisch klagt: „doch nicht sein kann, was nicht sein darf". Ein kleiner Fanatiker der Sachlichkeit, traumlos, hell und kühl wie die Berge am Morgen, und „hart wie alle Schaffenden". 628