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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 626

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Etzel Andergast
Date
1929-02-01
Page
626 (sequence 2)
Language
German
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Else Meidner dingung des Ganzen, ohne sie kein Mord, kein Meineid Waremmes, kein Justizirrtum, und ohne ihre dunkle Seele mindestens nicht dieser vorliegende Konflickt im Hause Andergast; doch das gilt nur in einem etwas abwegigen, ethisch betonten, sehr nachdenklich stimmenden Sinn, sonst ist und bleibt Etzel der Held des Romans. Sehen wir ihn an, das kurzsichtige Auge, die kleine Gestalt verkünden nichts Besonderes, aber der Zauber der Jugend liegt in der wunderbaren Einheit, die bei ihm Erkennen und Tun bilden. Da klaffen noch keine Risse; wissen, daß etwas nicht in Ordnung ist und dagegen vorgehen, das ist für ihn noch eins. Er kennt noch nicht das Zögern und Bedenken der erfahrenen Erwachsenen, und darum gerade ist die Unglaubwürdigkeit, die man seinen sechzehn Jahren entgegenhält, so töricht. Mit größerem Recht kann man sagen: nur die Jugend handelt so schnell und philosophiert nicht lange, nur die Jugend hat dieses Selbstvertrauen und nimmt gerade in dieser Art ihr Tun heilig und ernst. Die Worte aus dem Faust: „Ich aber frei wie mirs im Geiste spricht, "Verfolge froh mein innerliches Licht Und wandle rasch im eigensten Entzücken, Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken." Diese Worte von dem raschen, selbstbewußten Wandel der Jugend nach dem Licht, sind sie nicht das ewige Kennzeichen einer echten Jugend? Wir aber sind ganz verwirrt von dem unaufhörlichen Lesen und Debattieren über eine nervöse, von Sexualnot und Minderwerligkeitsgefühlen bedrängte Jugend und haben vergessen, was eigentlich Jugend ist. Das sind doch erst die Erwachsenen, die Müden, die Alternden, die vorsichtig nach allen Seiten sehen, die sich nicht exponieren wollen, und es sind wohl auch die Erwachsenen, die andere Ziele haben; sie rennen nach Liebe, nach Geld, nach Macht. Aber die Gerechtigkeit, das ist ein Traum der Jugend, das weist nicht nur Spranger in seiner Jugendpsychologie nach, das stellt nicht nur Kafka in seiner Novelle „Der Heizer" mit magischem Zwang dar, das weiß doch noch jeder aus seiner eignen Jugend, wie fein gerade das Gerechtigkeitsempfinden schon im Kinde ist, und zwar ein ganz intuitives, nicht etwa ein auf Menschenkenntnis oder gar auf Wissen um Gesetze begründetes Gefühl. Doch wie Etzel diesen Weg nach der Gerechtigkeit geht, darin liegt etwas Besonderes, und dieses Moment mag ihn vielen entfremden. Er ist nämlich nicht der sonnige Typus des Unterhaltungsromans mit dem goldnen, weichen Herzen, der allen Menschen gut ist; er ist aber auch keineswegs ein von seiner Idee Besessener, Berauschter; um ihn schwingt nicht die großartige Unendlichkeit, die z. B. Don Quichote umweht. Es sieht nicht so aus, als trüge diesen Knaben eine überzeitliche Idee, sondern alles wirkt vielmehr nur wie eine psychologische Reaktion auf Ungerechtes, Verknöchertes in seiner Umgebung, und darin liegt zum großen Teil das Geheimnis seines Erfolges. Denn wäre Etzel das Instrument einer Idee, er müßte sich an der Welt den Kopf einrennen, die Erscheinungen des Lebens könnten für ihn nur Herausforderungen gegen Ungerechtigkeiten aller Art sein, so wie für Don Quichote jeder Windmühlen flügel ein streitbarer Ritter und jede "Viehmagd eine 626

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