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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 612

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Zur Erziehung unserer Kinder
Date
1929-02-01
Page
612 (sequence 2)
Language
German
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E. Mannheimer Kinder kamen, und ich verstehe nicht, wie man etwa von einer Heuchelei sprechen kann, wenn junge Eltern aus keinem anderen Grund als „den Kindern zuliebe" zu dem einen und anderen Brauch zurückkehren, denn wie ich immer wieder sehe, kommt mit dem Üben auch wieder die Liebe zu den Bräuchen. Professor Stern sagt nun ganz richtig, daß wir Formen brauchen, die, entwickelt aus den alten, mit unserem Empfinden übereinstimmen, daß solche Formen aber aus dem religiösen Erleben der Menschen herauswachsen müssen, weil, wie er zuvor ausführt, Formen der Ausdruck des religiösen Erlebens einer Gruppe sind. Die Gruppe, zu der ich sprechen möchte und für die unser Problem überhaupt zur Diskussion steht, sieht merkwürdig genug aus. Sie umfaßt so ziemlich unsere gesamte Judenheit; ausgenommen bleibt nur die Orthodoxie. (Doch dürfte die Einschränkung auch bei ihr gelten, daß das Bewahren von Formen nur dann einen erzieherischen Zweck hat, wenn das Tun aus wahrhafter Religiosität quillt. Wenn auch die orthodoxe Erziehung die einfachste und konsequenteste Erziehung zum religiösen Judentum darstellt, so ist sie eigentlich noch schwerer als jede andere, denn wehe, wenn das religiöse Handeln des Erziehers nicht Hand in Hand geht mit einem ganz makellosen und frommen „Lebens"-Wandel in jedem, noch so profanen Tun und Lassen! Wehe auch, wenn der Fromme ein „Am-Haarez", wenn nicht gründliches Wissen um die Lehre hinter dem Üben der Formen steht I Die oft vernichtend schlimmen Resultate orthodoxer Erziehung sprechen Bände von Beweisen, und meist reagiert ein streng fromm erzogenes Kind viel stärker nach der entgegengesetzten Seite als ein „neu" erzogenes, und dann bedarf es schon glücklichen Zufalls, wenn eine Rückkehr selbst zur gemilderten „Frömmigkeit" möglich werden soll.) Unter den anderen, den Nicht-Orthodoxen, aber gibt es so ziemlich jede Schattierung vom 3/4 Frommen, der noch mancherlei hält, bis zu dem, der so gar nichts mehr gesehen und gelernt hat und den nur noch irgendein Sentiment bei der jüdischen Gemeinschaft hält. Dreierlei erschwert nun diesen Vielen ihren Kindern eine gute jüdische Erziehung selbst zu geben, vor allem ihnen durch sinnfällige Bräuche ein jüdischreligiöses Leben wirksam vorzuleben: 1. Der mehr oder weniger große Mangel an Kenntnissen der Bräuche, denn es ist oft erstaunlich, wie wenig noch haften geblieben ist aus einer entschwundenen Jugendzeit und wie oft Bräuche falsch oder entstellt geübt werden. 2. Unsere Gebetssprache ist hebräisch. Hebräisch lernen ist aber schwer. Deutsche noch so gute Übersetzungen sind schlechter Ersatz, was wohl nach den Erfahrungen von Jahrzehnten nicht mehr bewiesen werden muß. Das alte, hebräische Gebet jedoch, auch der „Nigen", die Sangesweise, vermittelt Empfindungen, denen auch der „Neuste" noch nach vielen Jahren immer wieder sich nicht entziehen kann. Wieviel mehr könnten solche Gebete geben, wenn der Hörer ihren Text verstünde! 3. Unser Kalender geht nicht mit dem unserer Umwelt zusammen. Unseren Sabbat und unsere Feste müssen die meisten von uns mitten 612

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