Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Zur Erziehung unserer Kinder
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 613 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Erziehung unserer Kinder in ihrer beruflichen Tätigkeit begehen. Vieles könnte nun m. E. gebessert werden. Betrachtet man etwa, um auf den ersten angeführten Punkt einzugehen, die Offenbacher Haggadah des Herrn Dr. Guggenheim, die ja in diesen Blättern besprochen wurde, dann kann man sich vorstellen, daß auch ein Laie daraus lernen kann, einen Seder sinngemäß zu geben. Um wieviel lebendiger wirkt solch ein Buch als die übliche, meist schlecht übersetzte Haggadah! (Von der Offenbacher Haggadah wünschte ich eine billige Volksausgabe!) Unsere Rabbiner haben keine schönere Aufgabe als kleine, gute Lehrbücher zu schreiben, mit denen sie methodisch den Laien die Bräuche und Gebete des Jahres lehren. Solches Lehrbuch wäre wichtiger als alle exegetische Literatur und Predigtsammlungen, bei denen man sich manchmal fragt, wer sie wohl lesen mag. Wir müssen wohl oder übel Hebräisch lernen, wir selbst und die Kinder. Für diese ist ja gesorgt, aber oft kann der Unterricht der Lehrer oder Rabbiner nicht fruchtbar werden, weil das Interesse des Elternhauses als Unterstützung fehlt, manchmal mag auch dieser Mangel dem Lehrer bequeme Entschuldigung für einen mangelhaften Unterricht sein. Zum Hebräisch-Leraen muß man sich die Zeit nehmen, mit wenigen Stunden ist es nicht getan. Ich komme selbst aus streng jüdischer Erziehung und war von Sexta bis zur Einjährigenprüfung 6 Jahre in einem Rabbinerhaus, wo neben der Schularbeit ein großzügiger, begeisternder — weil von einem begeisterten Lehrer erteilter — Unterricht im Hebräischen gegeben wurde. Ich weiß daher sehr wohl, welche Unsumme von Stunden notwendig sind, bis man Gebetbuch und Bibel und vielleicht noch anderes Schrifttum nur kennt, nicht einmal beherrscht. Aber es lohnt. Wie ganz anders wirkt etwa eine Haftarah, wenn man weiß, wer Jesaia oder Arnos oder ein anderer war, unter welchen Umständen und mit welcher Absicht er seine Predigt hielt! Wie nichtssagend ist das alles, wenn man losgelöst aus jedem Zusammenhang irgendein Kapitel, gar in deutscher Übersetzung, liest oder hört. Wie beschämend wenig wissen doch die meisten überhaupt von unserer Bibel, auf deren Besitz wir so stolz tun? Haben wir nicht „die Bibel der Menschheit geschenkt"? Was wüßten die meisten zu erwidern, wenn etwa ein Antisemit ihnen mit einem Zitat aus der Bibel käme?! Man wird sagen: „Woher soll ein erwachsener, berufstätiger Mensch die Zeit nehmen, wer solchen Unterricht erteilen?" Nun, ich meine, wir haben jüdische Organisationen überall genug; welche Gemeinde ist ohne Männer- und Frauenverein, Literarischen Verein oder eine C. V.-Gruppe, eine zionistische Ortsgruppe, Frontbund und wie sie alle heißen? Hand aufs Herz: was wird in ihnen außer einmal einem „Vortrag" eines von auswärts beorderten Redners und mehr oder weniger unwichtiger Vereinsarbeit geleistet? Eine Aktivierung ihrer Arbeit durch die oben genannte Aufgabe wäre ein Gewinn. Es bleibt noch die Tatsache, daß unser Sabbat und unsere Feste in unsere berufliche Tätigkeit hineinfallen. Es wird schwer sein, Festtagsstimmung und Berufstätigkeit in Einklang zu bringen, aber was bleibt uns übrig? An der Tatsache, daß die meisten Juden am Sabbat arbeiten müssen, wird nichts zu ändern sein. Man kann hier nur retten, was 613