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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 609

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Max Scheler
Date
1929-02-01
Page
609 (sequence 8)
Language
German
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Max Schaler ruchtzionistischer Juden, die sich „der geheimnisvollen Schutzsphäre der jüdischen Familientradition" nicht entzogen haben. Hinzu kommt, daß infolge der Verarmung weiter Kreise deutscher Juden die Kapitalisten unter ihnen stark zusammengeschmolzen sind. Immerhin könnte mancher unkritische Leser der Aufsatze „Vom Umsturz der Werte" das Beispielhafte der Heranziehung der Juden leicht übersehen und im Zusammenhang mit den reaktionären Elementen dieses Werks ein etwa schon vorhandenes Vorurteil gegen die Juden bestätigt finden. Diese — offenbar falsche — Deutung wird besonders dadurch begünstigt, daß Scheler, wie bereits gestreift wurde, in den Schriften der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahrc mit dem bürgerlich-kapitalistischen Geist auch die humanitären Bestrebungen zu Ressentimentserscheinungen stempelte — die Humanitätsidee, die im prophetischen Judentum ihre tiefsten Wurzeln hat. Scheler brachte sie und die „allgemeine Menschenliebe" in den schärfsten Gegensatz zur christlichen Liebe und zum christlichen Solidaritätsgefühl. Auch in den Humanitätsbestrebungen erblickte er nur das Ressentiment der Minderwertigen, welche die große Masse bilden, gegen die wenigen überragenden, vornehmen Persönlichkeiten, die dann selbst durch die Wertverfälschung der Masse so angesteckt werden, daß auch sie der verfälschten Moral huldigen. Abgesehen von der Ressentimentsbeschuldigung sincl es zwei Hauptvorwürfe, die Scheler gegen die allgemeine Menschenliebe erhebt: daß sie wahllos auf jedes Exemplar der Gattung Mensch gerichtet sei, und daß sie nicht die höheren geistigen Werte, sondern nur Nützlichkeit und Sinnenglück zu fördern strebe. Scheler denkt hier an die von dem englischen Philosophen Bentham in die Formel „das möglichst große Glück der möglichst großen Zahl" gefaßte Gesinnungsart. Diese Bestimmung des Begriffs der Humanität ist aber ebenso wie das Werturteil über sie durchaus irrig. Freilich umfaßt die allgemeine Menschenliebe jeden Menschen ohne Rücksicht auf Stand, Nation, Anlagen. Ihre Absicht ist aber durchaus nicht, diese Unterschiede und das, was an ihnen wertvoll und wertwirkend ist, auszulöschen und alle auf ein gleiches — und darum, wie Scheler mit Recht folgerte, gleich niedriges — Niveau herabzudrücken, auch nicht nur, ihr Sinnenglück zu fördern. Vernachlässigt man jedoch in zu hohem Gedankenflug die Sorge für die elementaren Wohlfahrtsbedingungen, wie Scheler es nahelegte, so ist es auch unmöglich, die geistigen und religiösen Werte in den Menschen zu wecken und zu verwirklichen und die durch die Sinnwidrigkeiten unsres kapitalistischen Wirtschaftssystems unterdrückten wertvollen An- 609

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