Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Max Scheler
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 610 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Levy: Max Scheler lagen zur Entfaltung zu bringen. Die Behauptung ferner, daß die Humanitatsidee, die ihre großen Verkünder in den jüdischen Propheten hat, eine Ausgeburt des Ressentimentgeistes sei, ist gleichfalls nicht zu halten, so zutreffend es ist, daß viele Erscheinungen des bürgerlich-kapitalistischen Ethos und der Gedanke der allgemeinen Menschenliebe in der Forderung der Gleichheit aller bei vielen Menschen auf Ressentiment zurückzuführen ist. Es erübrigt sich, die tieferen Fehler dieser Schelerschen Lehre aufzudecken, die in ihren vielfachen Widersprüchen und gewaltsamen Deutungen schon zu Tage treten; denn Scheler selbst hat seine Auffassung der Humanitätsidee später berichtigt. In der 2. Auflage von „Wesen und Formen der Sympathie" (1922) erklärt er: „Nur die Wertü berordn un g der Menschenliebe (nämlich über die christliche Gottesliebe) — nicht aber sie selbst ihrem Wesen und ihrer Wurzel nach — ist ein Werk des Ressentiments". Die allgemeine Menschenliebe selbst ist positiv „sowohl in Hinsicht auf ihren Ursprung als.....auf ihren Wert". Ja, allgemeine Menschenliebe wird jetzt als unumgängliche Voraussetzung für die christliche erklärt. Ausdrücklich macht Scheler auch neben der antiken „Humanitas" die spätprophetische jüdische als historische Voraussetzung der christlichen Personliebe namhaft. Wenn aber Scheler hier immer noch allgemeine Menschenliebe in Gegensatz zur Gottesliebe setzt, so muß man darauf hinweisen, daß sie im jüdischen Propheten tum gerade aus dem Monotheismus entsprungen ist Je mehr und je tiefer Scheler, besonders durch seine soziologischen Studien, in die Probleme der sozialen Wirklichkeit eindrang, um so mehr entfernte er sich dann auch selbst von seiner früheren Einseitigkeit und deren Konsequenzen. So wandelte er sich auch vom Verherrlicher des Kriegs zum entschiedenen Anhänger der Friedensbestrebungen. Leider hat Scheler gerade jene früheren, an ein minder kritisches Publikum sich wendenden Aufsätze unverändert wieder abdrucken lassen, als er längst seine recht bedenklichen Irrtümer in andren Werken berichtigt hatte. Die Richtung seines Weges ging aber doch, jedem Aufmerksamen offenbar, von reaktionärer, absoluter Verneinung unsrer Zeit zu einer kritischen Auffassung, welche das Wertwidrige bekämpft, den positiven Werten aber gerecht wird und sie auf jede Weise zu fördern sucht Diese Richtung scheint uns notwendig zu sein. Vorbildlich bleibt gewiß — wie man auch immer Licht und Schatten bei einer Gesamtwürdigung Schelers verteilen mag — seine stetige Bereitschaft, das für falsch Erkannte zurückzunehmen, um dadurch auf dem Wege der Wahrheit immer weiter fortzuschreiten. 610