Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Max Scheler
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 608 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Levy Humanität kennen lernen, wie sie in den Schriften der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre zu finden ist, sollen die Folgerungen betrachtet werden, die er aus seiner Lehre vom Ressentiment für die Beurteilung der Juden gezogen hat. Hier ist zunächst festzustellen, daß Scheler bestrebt war, objektiv zu sein; dies zeigt sich auch darin, daß er nicht unnötigerweise das Problem des Judentums heranzieht. Die Juden sind ihm zunächst ein Beispiel dafür, daß bestimmte Situationen das Ressentiment begünstigen und herausfordern. In solchen Situationen befinden sich der vierte Stand, die Frauen überhaupt, besonders die alternde unverheiratete, ebenso die Schwiegermutter, die ältere gegenüber der jüngeren Generation. Von den Juden heißt es in dieser Hinsicht: „Das — wie Nietzsche mit Recht hervorhebt — ungeheure jüdische Ressentiment ist doppelt genährt durch das Zusammenwirken des ungeheuren Nationalstolzes dieses Volkes („auserwähltes Volk") mit einer Jahrhunderte als Schicksal empfundenen Verachtung und Zurücksetzung; neuerdings noch im besonderen Maße durch das Zusammenwirken formaler verfassungsmäßiger Gleichberechtigung mit faktischer Zurücksetzung. Der bis ins äußerste gesteigerte Erwerbstrieb dieses Volkes ist----die Überkompensation für die fehlende, dem Eigenwertgefühl entsprechende soziale Anerkennung." Soweit dies richtig ist, gebietet — so muß man folgern — diese Situation der Juden, daß man sie ändert, damit sie dem Ressentiment entrissen werden. Nur als ein Faktor in der Entwicklung des bürgerlich-kapitalistischen Geistes werden ferner die Juden neben vielen andern, — italienischen Söldnerführern, Calvinisten usw. — genannt. Endlich dienen die Juden als Beispiel auch da, wo Scheler in dem Aufsatz „Die Zukunft des Kapitalismus" als eine von Dr. Teilhaber erwiesene Tatsache, das „Aussterben der deutschen Juden" betrachtet, „und zwar in dem Maße, als sie innerhalb des Kapitalismus führende Stellungen gewannen und gleichzeitig aus der geheimnisvollen Schutzsphäre der jüdischen Familientradition heraustraten. An diesem jüdischen Typus — der tapfere und edle Zionismus stellt ihm mit dem innersten Rechte der Erhaltungswürdigkeit des großen, begabten Volkes heute einen anderen schroff entgegen ... — vollzieht sich zeitlich zuerst und im kleinen das tragische Geschick, was sich am bourgeoisen Typus überhaupt vollziehen wird". Von der hohen Würdigung und Sympathie für die Judenheit sind hier also nur die Kapitalisten ausgeschlossen. Die einseitige Schätzung der Zionisten aber beruht einmal auf Schelers damaliger Wertungsart, dann aber auch auf der Unkenntnis des Vorhandenseins der großen Zahl 608