Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Max Scheler
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 607 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Scheler Zwei unversöhnbare Menschentypen sind es überhaupt, die man hier nach Scheler gegenüberstellen muß: der Mensch des ersten Typus ist sich seines Werts naiv bewußt, großzügig, strömt über von Liebe für die Welt, sorgt sich nicht um irdische Dinge, hebt die Gefahr, beurteilt die Menschen nach ihrem Sein und nicht nach ihrer Leistung; der des andren Typus, den Rathenau als Furchtmenschen bezeichnete, lebt unter einem natürlichen Angstdruck, ist roißtrauisch, sorgt sich, muß sich selbst durch Leistung erst beweisen, will andre übertreffen, seine Herrschaft führt daher „zum System schrankenloser Konkurrenz und zum Fortschrittsgedanken, in denen nur das Mehr sein über einen .Vergleichsfall hinaus als Wert empfunden wird" — dies eben ist die Menschenart, aus deren Ressentiment die kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaftsordnung hervorgegangen ist und von der sie getragen wird. Scheler, der diese Ansichten schon voc Kriegsausbruch, dann besonders im Kriege und in den ersten Nachkriegsjahren vertrat, stand mit ihnen durchaus nicht allein. Für die Entgegensetzung zweier Typen des Menschen und des Ethos konnte er sich auf bedeutende Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern und Wirkungskreisen, wie den deutschen Großindustriellen Rathenau und den modernen deutschen Gelehrten Sombart, den französischen Philosophen Bergson, den Amerikaner James berufen. Den schweren Anklagen aber, die er gegen das Wertfühien und das darauf beruhende Handeln beherrschender Schichten unsrer Gesellschaft, gegen den Kapitalismus unsrer Tage, erhob, stimmten und stimmen der Grundtendenz nach mit Recht viele der ausgezeichnetsten Geister schweren Herzens zu; verglich ihn doch ein so vernehmer Denker wie Dilthey „einer Bestie mit tausend Augen und Fangarmen und ohne Gewissen". Scheler verfiel aber leider — und gerade in seinen für breite Kreise bestimmten Schriften — hierbei in einen reaktionären Radikalismus, der verschiedenartige und -wertige Erscheinungen zusammenwarf, und in der Art, wie ein schlechter Dramatiker neben den lauteren Helden einen absoluten Bösewicht stellt, alle Tendenzen des geliebten Typus idealisierte, bei dem verhaßten aber — selbst einer Art von Ressentiment unterliegend — auch die wertvollen Züge auf Ressentiment zurückführt. So interpretierte er sogar den Geist, aus dem Hexenverbrennungen und Inquisition entsprangen — wenn er natürlich auch nicht diese Greuel selbst rechtfertigte — als Geist der Liebe, während er wichtige geistige und ethische Bewegungen, die sich gerade gegen den kapitalistischen Geist wehren, nämlich die humanitären Bestrebungen, als Ressentimentprodukte verdächtigte. Bevor wir aber die Stellungnahme Schelers zu dem Problem der 607