Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Max Scheler
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 606 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895482-2899411--03309-2899530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Heinrich Levj über das der Evangelien und seinen eigentlichen Gehalt (Diesem in seiner katholischen Form hatte er sich zeitweise so stark genähert, daß man ihn als einen Vorkämpfer der katholischen Kirche ansah.) Das Christentum hat nach Scheler gar kein Ressentiment nötig, da es eine Religion der Starken, Vornehmen, seelisch Reichen ist Scheler versucht hier eine sehr kunst- und geistvolle Synthese zwischen einer Religion, die unendliche Liebesbetätigung fordert, und den Werttafeln des Nietzscheschen idealen vornehmen Menschen. So ist es ihm möglich, im Mittelalter mit Mönchtum, Rittern, Minnesängern, ständischer Gliederung das rechte Wertfühlen und die Verwirklichung seiner Wertordnung zu finden. Die Verderbnis des Wertfühlens, die Nietzsche auf das Christentum zurückführt, beginnt bei Scheler dagegen erst mit dem Aufkommen des bürgerlich-kapitalistischen Geistes. Wie sich Scheler, auf die hochinteressanten Forschungen des zu kühnen Hypothesen neigenden Sombart und des streng wissenschaftlichen Kopfes Max Weber gestützt, die allmähliche Entwicklung des Kapitalismus im einzelnen vorstellt, kann hier nicht verfolgt werden. Wesentlich ist dies: Für Scheler sind die erzeugenden Kräfte nicht wirtschaftlicli^- technische Faktoren, sondern der bürgerlich-kapitalistische Geist, das bürgerliche Ethos ist das Primäre, und dieses Ethos ist aus tiefstem Ressentiment geboren. (Scheler hat übrigens seinerseits durch diese Ansicht Sombart beeinflußt.) So beneidet der zum Bourgeois Prädestinierte die vornehmen Klassen, sein Neid wird zum Ressentiment, weil diese Träger wertvollerer Qualitäten sind, die ihm mangeln. Die Entleerung seiner Seele, die nicht von religiöser Liebe erfüllt ist, treibt ihn zu Haß und Arbeitseifer, zur Erraffung von Reichtümern über das standesgemäße Einkommen hinaus und zur Rechenhaftigkeit Diese Handlungsweisen und Eigenschaften, die Produkte seiner Minderwertigkeit sind, fälscht er dann zu Werten und Tugenden um: selbst die Namen Fleiß, Sparsamkeit, Treue erhalten einen gegenüber der höheren christlichen Ethik verfälschten Sinn. Mit der Expansionskraft des Ressentiments greift diese Gesinnung immer weiter um sich, sie richtet sich nicht nur gegen den allliebenden Gott, sie bestimmt das gesamte Weltbild unsrer Zeit: die ganze seelenlose mechanistische Naturwissenschaft ist ein Produkt dieses Geistes — auch sie ist letzthin aus dem Ressentiment eines ethisch minderwertigen, durch seine Seinsart zur Verfälschung der Werte und ihrer Rangordnung vorherbestimmten Menschentypus abzuleiten. Am verhängnisvollsten ist es aber, daß auch die hochwertigen Menschen von dem Glauben an die entstellte und verkehrte Wert- Ordnung angesteckt und in ihre unheilvollen Folgen mit verstrickt werden. 606