Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Max Scheler
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 605 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Scheler Die rein psychologischen Untersuchungen Schelers über die Entstehung des Ressentiments — in der Aufsatzsammlung „Vom Umsturz der Werte" — gehören zu dem für weitere Kreise Belehrendsten und Fesselndsten, was er geschrieben hat. In aller Kürze ist ihr Sinn dieser: Immer entsteht Ressentiment nur bei solchen, die sich anderen gegenüber ohnmächtig fühlen. Den Ausgangspunkt kann hierbei das Gefühl der Minderwertigkeit bilden, das zunächst Neid gegen den überlegenen hervorruft, dann Täuschung über dessen Wert — den der Minderwertige herabsetzt, wie in der Fabel der Fuchs den Wert der Trauben, die ihm zu hoch hängen — schließlich eine vollkommene Verfälschung seines Wertfühlens und der Werte selbst: das Höherwertige und alles, was mit ihm zusammenhängt, gilt nun für minderwertig, auch die vortrefflichsten Trauben und Früchte werden wirklich für sauer gehalten. Ebenso kann aber ein unterdrückter Racheimpuls des sich verletzt fühlenden Schwachen das Ressentiment herbeiführen: der Anlaß der Erregung gerät in Vergessenheit, Groll und Haß in der Seele des Verletzten verlieren allmählich jeden bestimmten Gegenstand — dieser wird „verdrängt" (Freud) —, sie strahlen weithin aus und verfälschen nun wieder das Wertfühlen und die Werte selbst. Nicht aus jedem Minderwertigkeitsgefühl und jedem Racheimpuls geht natürlich Ressentiment hervor; so untersucht Scheler — und dies ist ein sehr wichtiger Punkt, den wir noch behandeln werden — auch die Bedingungen mannigfaltiger Art, unter denen die Entstehung des Ressentiments begünstigt wird. Zu scheiden von diesen feinen psychologischen Analysen ist aber ihre Anwendung, besonders auf die Geschichte der „Moralen". Diese Anwendung ist ganz besonders der Gefahr zahlreicher Irrtümer ausgesetzt. Das erhellt schon aus der Verschiedenheit der Ansichten Nietzsches und Schelers, die in der Theorie des Ressentiments nach ihrer Grundtendenz und sogar in vielen Wertungen doch wesentlich übereinstimmen. Nietzsche hatte in wahren Orgien des Hasses das Christentum, und als dessen Schöpfer die Juden, für den „Sklavenaufstand in der Moral", für die Unterdrückung der Starken durch die Schwachen und die Verfälschung der Werte verantwortlich gemacht, die Schäden der modernen Zivilisation aber auf diese Quellen zurückgeführt; dabei hatte er übrigens das Alte Testament besonders hochgeschätzt, den Antisemitismus aufs schärfste abgelehnt und den modernen Juden als besonders geeignet zur Mitwirkung an seinem Ideal des „guten Europäers" betrachtet. Das Christentum also war ihm eine Religion des Ressentiments. Bei Scheler finden wir die vollkommen entgegengesetzte Ansicht über das Christentum, wenigstens 605 41*