Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Max Scheler
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 604 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Levy genehmen ruhen auf den Lebenswerten, diese auf den geistigen, alle Werte auf dem Heiligen, das sich unmittelbar auf den persönlichen Gott bezieht Innerhalb der einzelnen Arten selbst aber gibt es wiederum entsprechende Wertabstufungen; so ist z. B. das Nützliche dem Angenehmen untergeordnet und von ihm abhängig. Wie verhält sich nun der Mensch zu diesen Werten? Ob er sie anerkennt und welche er vorzieht, ist für die Bedeutung der Werte selbst — dies ist immer festzuhalten — ganz gleichgültig; dagegen ist umgekehrt der Wert einer Einzelperson, einer Gemeinschaft, des Geistes einer Epoche davon abhängig, welchen Werten ihr Fühlen zugänglich ist und welchen sie den Vorzug geben- Bestimmen innerhalb der einzelnen Wertarten die höheren das Verhalten und wird Fühlen und Vorziehen den höchsten Wertarten, den geistigen und religiösen, zugewendet, so sind die betreffenden Personen, Gemeinschaften und Zeitalter sittlich gut; neigen sie den niederen zu, so sind sie böse. Es ist hier nicht der Ort, auf die verwickelte Werttheorie, die Scheler in seinem Werk „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik" gegeben hat, einzugehen, ebensowenig wie auf die feinen, fesselnden Untersuchungen über „Wesen und Formen der Sympathie", die diese Probleme von der Seite des Fühlens her behandeln. Vielmehr soll hier Schelers Wertlehre vorzüglich im Zusammenhang mit den Lebensproblemen der Gegenwart betrachtet werden. Werfen wir daher sogleich von Schelers Wertsystem einen Blick auf unsre Zeit! Da ergibt sich nun ein außerordentlich ungünstiges Bild. Die höchste Wertart, die religiöse, wird nur von Wenigen, in ihrer Tiefe ganz selten, erfühlt, die geistigen Werte werden in den Dienst des Nützlichen gestellt; die diesem überlegenen Lebeuswerte, die den edlen, kraftvollen Menschen auszeichnen, werden verleugnet. Die niederen Werte werden den höheren jedoch nicht nur im tatsächlichen Handeln vorgezogen, sondern es geschieht das Merkwürdige, daß man sich im Urteil über ihren Rang täuscht, ihre Ordnung verkehrt, die niederen für wertvoller als die in Wahrheit höheren einschätzt Dies ist nach Schelers Prinzipien gerade so falsch, wie wenn man grundsätzlich Rot für Blau hielte oder Orange dem Grün verwandter als dem Gelb auffaßte. Solche Verdeckung der wahren Welt der Werte durch eine unechte Scheinwelt vermag nur durch ganz besonders mächtige seelische Kräfte erklärt zu werden. Scheler unternimmt es, diese Erklärung zu geben, und zwar will er durch Fortbildung, psychologische Vertiefung und Verfeinerung der Nietzscheschen Lehre vom Ressentiment — von der geheimen Rache der Ohnmächtigen, Minderwertigen an den Kraftvollen, Hochwertigen — den „Umsturz der Werte" erleuchten. 604