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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 597

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Nationalismus und Intoleranz
Date
1929-02-01
Page
597 (sequence 8)
Language
German
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Nationalismus und Intoleranz Teile, in eine weiße hochwertige und in die schwarze minderwertige. Jede Mischung von weiß und schwarz wird augenblicklich schwarz und minderwertig, und jedes Aufbegehren auf Seiten der „Minderwertigen" wird gewöhnlich von den „Hochwertigen" mit jener Art Pöbelgemetzel geahndet, das man in Amerika Lynchen nennt. Es ist äußerst zweifelhaft, ob die Zahl der Juden, die in allen Jahrhunderten des Mittelalters unter Pogromen litten, der Zahl der amerikanischen Neger gleichkommt, die in den letzten fünfzig Jahren von ihren weißen Landsleuten gelyncht worden sind. Die. Intoleranz gegenüber den Negern in den Vereinigten Staaten ist vielleicht der Höhepunkt der Rassenintoleranz im modernen Nationalismus. Aber die Intoleranz zu Negern ist nicht so gefährlich, zum mindesten nicht in ihren internationalen Erscheinungen, wie die Intoleranz weißer Nationalisten gegenüber den Mongolen. Die letzteren haben gewiß eine große Kultur und Zivilisation entwickelt und besitzen jetzt in Japan eine nationale Großmacht und in China ein ungeheures Reservoir an Menschen und Hilfsquellen. Die „gelbe Gefahr" allerdings ist hauptsächlich von weißen Nationalisten in Europa und Amerika an die Wand gemalt worden, aber sie kann mehr als ein Schreckgespenst werden, wenn weiße Nationalisten in Amerika und in Australien sie noch fernerhin als Entschuldigung für Rassenunterscheidung und Intoleranz anrufen, denn ein Nationalismus, der vom Westen bis zum fernen Osten sich fortgepflanzt hat, kann auch die Rassenintoleranz in seinem Gefolge nach dem fernen Osten bringen ebenso wie den internationalen Krieg, beides Charakteristika des Nationalismus im Westen. — Es gibt viele Schattierungen und Abstufungen nationaler Intoleranz. In Zeiten eines großen internationalen Krieges, in Zeiten moderner nationaler Kreuzzüge, wetteifert die Bevölkerung eines kriegführenden Nationalstaates in ihrer Gesamtheit mit der Bevölkerung eines anderen in gegenseitiger Intoleranz. In „Friedenszeiten" sind die Erziehungsmaßnahmen der einzelnen Nationalstaaten darauf aus, ganze Nationalitäten mit einer zum mindesten verborgenen Feindseligkeit gegen alles, was „ausländisch" oder „fremd" ist, zu erfüllen. Aber während die meisten Bürger eines Nationalstaates unbekümmert um Politik, Wirtschaft, Rasse und Religion patriotisch sind, sich für „gute Bürger" halten, bereit sind, ihr Vaterland bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, und gelegentlich auch eine Gesamtintoleranz gegenüber Bürgern anderer Nationalstaaten an den Tag legen, beansprucht eine Sonderzahl von Bürgern in der Regel für sich allein einen hochwertigen Patriotismus, einen Cbernationalismus. 597

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