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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 596

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Nationalismus und Intoleranz
Date
1929-02-01
Page
596 (sequence 7)
Language
German
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Carlton J. Hayes Körper, Seele und Geist überlegen. In alten Zeiten wurden oft Weiße von Weißen versklavt und in Griechenland und Rom zum Beispiel bestand eine Sklavenklasse neben einer freien derselben Rasse und Nationalität. Man hielt damals die Sklaverei für ein bequemes wirtschaftliches Ergebnis eines siegreichen Krieges und nicht für das Zeichen von Rassenminderwertigkeit. Im Mittelalter verschwand unter christlichem Einfluß die weiße Sklaverei praktisch aus Europa; und im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert forderten viele Europäer — und Amerikaner — auf Grund von humanitären und ethischen Erwägungen, die Abschaffung aller Formen und Typen der Sklaverei. Damals verfielen die Besitzer von schwarzen Sklaven auf die Argumente, daß ein Mensch zwar nicht berechtigt sei, seinen Bruder zu versklaven, aber durchaus Menschen versklaven dürfe, die nicht seine Brüder seien, und Neger seien nicht die Brüder weißer Menschen. Neger seien eine Rasse, ganz verschieden von der kaukasischen Rasse und durchaus minderwertiger als diese. Die Negersklaverei wurde tatsächlich in den meisten Ländern auf dem Wege der Gesetzgebung abgeschafft, in den Vereinigten Staaten durch militärische Maßnahmen. Aber die Argumente, die ursprünglich Pseudoanthropologen vorbrachten und die Sklavenhalter in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sich aneigneten, wurden von Nationalisten aufgegriffen und zur Begründung von Ausnahmegesetzen gegen Neger innerhalb einer Nation verwendet. Die Neger in Westindien und in den Vereinigten Staaten sind nicht ihrer Nationalität nach „afrikanisch"; sie sind „französisch", „britisch" oder „amerikanisch"; je nach der Sprache, die sie sprechen, nach der Religion und Kultur, die sie kennen, und je nach den Traditionen, die sie pflegen. Der gewöhnliche Neger von Virginien oder Jamaika würde genau so wie der weiße Einfwohner von Virginien oder Jamaika in Timbuktu oder am Kongo, sich sofort als „Fremden" betrachten. Denn man muß bedenken, daß die amerikanischen Neger in ihrer Gesamtheit zu den „ältesten Familien" der Neuen Welt gehören; es sind keine frischen Einwanderer; sie sind nichts anderes als amerikanisch, und sie haben ein genau so gutes Recht auf Amerika wie die meisten Weißen. Aber weiße Nationalisten in den Vereinigten Staaten zum Beispiel wollen durchaus die Überlegenheit der Weißen innerhalb der amerikanischen Nationalität für 6ich in Anspruch nehmen und deshalb hält man durch politische und bürgerliche Ausnajhmeverordnungen, sozialen Boykott und gelegentlichen Terror die schwarzen Amerikaner mehr oder weniger streng gesondert von den Weißen, und die einheitliche amerikanische Nationalität teilt sich rassenmäßig in zwei 596

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