Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Nationalismus und Intoleranz
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 595 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895482-2899410--03297-2899519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nationalismus und Intoleranz die Franzosen eine dekadente Rasse and nennen jetzt die Polen eine kindliche Rasse ohne jegliches Verantwortungsgefühl. Englische Nationalisten bezeichnen sehr mitleidig die Iren als ein auf einer sehr niedrigen Stufe stehendes Überbleibsel der „Neandertalmenschen". Die Folge dieser gegenseitigen „Rassen"- echimpfereien ist eine Vertiefung der nationalen Intoleranz nach zwei Richtungen. Einerseits wächst die internationale Intoleranz eines Nationalstaates gegenüber dem anderen, Ungarns gegenüber der Tschechoslowakei und Jugoslawen, Deutschlands gegenüber Polen, Englands gegenüber Irland, und schafft dadurch eine dem internationalen Kriege günstige Stimmung. Anderseits wächst die Intoleranz im Innern eines jeden Landes mit dissentierenden nationalen Minoritäten, in den Vereinigten Staaten zum Beispiel, wo die schon lange dort angesiedelten Völker gegenüber jüngeren Einwanderern eine feindliche Haltung zeigen und dadurch eine Lage schaffen, die den Bürgerkrieg herbeiführen kann. Wenn Nationalisten einer Gruppe der weißen Rasse gegenüber einer anderen Gruppe der weißen Rasse intolerant sind, um wieviel mehr werden sie gegen Gruppen der schwarzen und gelben Rasse intolerant sein! Wenn „nordische" Nationalisten die Empfindung haben, daß ihre Nationalität nicht gut „Mittelmeerländer", „Alpine", „Semiten" und „Slawen" assimilieren kann, um wieviel weniger werden sie sich daran wagen, Japaner, Chinesen und Neger zu verdauen! Eis ist nichts Neues, daß ein Europäer Gelbe und Schwarze für ganz andere Menschen hält als er selbst ist und ein Vorurteil gegen sie hat; aber ehe der moderne Nationalismus auftauchte, betrachtete man offenbar physische Unterschiede im allgemeinen als interessante Ergebnisse des Klimas oder als seltsame Launen der Natur, und das Vorurteil des Volkes war nicht so stark, um zu verhindern, daß sich in der neuen Welt eine ganz beträchtliche Zahl von weißen Emigranten (besonders von solchen aus den katholischen Ländern Portugal, Spanien und Frankreich) mit Roten und mit Schwarzen mischten. Die Holländer und Engländer waren in der ganzen Neuzeit etwas wählerischer, aber erst im neunzehnten Jahrhundert — dem Jahrhundert der Entstehung des wütenden Nationalismus —, verherrlichte man im allgemeinen Rassenvorurteile und Rassenintoleranz. Dazu hat unbewußt das Institut der Sklaverei, besonders soweit die Neger in Betracht kommen, beigetragen. Die Menschensklaverei ist natürlich ein ganz altes Phänomen und hat historisch betrachtet nicht notwendigerweise zur Voraussetzung, daß die Sklavenbesitzer glaubten, sie seien ihren Sklaven an 595