Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Nationalismus und Intoleranz
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 594 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895482-2899410--03296-2899518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Carlton J- Hayes muß den Stolz der einen „Rasse" nähren und den Groll der anderen „Rassen" erregen. Das Thema Rasse kompliziert sich ferner, weil die allgemeine Meinung dahingeht, daß jede Nationalität eine besondere „Rasse" sei. Nach der üblichen Ausdrucksweise sind die Deutschen als Ganzes eine „Rasse" und ebenso die Engländer, die Iren, die Italiener, die Polen und die Juden. Diese auf Unkenntnis beruhende Sprech- und Denkweise über moderne Nationalitäten hat manches seltsame Ergebnis, nicht zum wenigsten eine „Rassenhetze zu nationaler Intoleranz. Weil z. B. jüdische Amerikaner oder italienische Amerikaner manche Gewohnheiten und Sitten haben, die anders sind. als die der Amerikaner britischer Abstammung, so schließen gewisse Nationalisten, die zu den letzteren gehören, daß jüdische oder italienische Eigenart eine Eigenart der Rasse ist, das heißt, unbedingt erblich und deshalb unzerstörbar, und daß jeder Versuch, Juden oder Italiener zu „amerikanisieren", unweigerlich fehlschlagen muß. Man behauptet bisweilen, daß farbenfrohe Feste, Blutrache und Vorliebe für Makkaroni und toskanische Weine — vermeintliche Attribute aller Italiener — durchaus die Folge mittelländischen Blutes seien, eine vom Schicksal vorher bestimmte Lebensweise brünetter Langköpfe; öfter bildet man sich bloß ein, daß das bleibende Merkmale der italienischen Rasse sind. Bisweilen wird angeführt, daß das Nichtessen von Schweinefleisch und der Synagogenbesuch, Scharfsinn im geschäftlichen Verkehr und Vorliebe für Juwelen und Pelze — angeblich charakteristische Merkmale aller Juden — unheilbare Begleiterscheinungen „semitischen" Blutes und großer Nasen seien; öfter sagt man einfach, es seien bleibende Eigenschaften der jüdischen „Rasse". Mit anderen Worten, gewissen amerikanischen Nationalisten kommt es so vor, als läge ein Flecken im Blute des Italieners und des Juden, des „Mittelmeerländischen" und des „Semiten"; sonst würden diese Menschen sofort ganz und gar genau dieselben Dinge lieben wie die Neu-England-Puritaner und die Pflanzer von Virginien. Kein Mensch, wenigstens kein moderner Mensch, läßt gerne seine Ahnen verunglimpfen, und doch bedeutet das, was mancher Rassennationalist heutzutage tut, nichts anderes als die Ahnen einer ganzen Nationalität oder einer ganzen religiösen oder sprachlichen Gruppe beleidigen. Magyarische Nationalisten erklären schon lange, daß sie als Angehörige einer überlegenen „Rasse" den mehr oder weniger göttlichen Auftrag haben, minderwertige slawische „Rassen" zu beherrschen. Deutsche Nationalisten nennen von jeher 594