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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 591

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
Nationalismus und Intoleranz
Date
1929-02-01
Page
591 (sequence 2)
Language
German
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Carlton J. Hajes: Nationalismus und Intoleranz Rezept seiner Quacksalber. Wenn man ihn belehrt, daß die meisten seiner Volksgenossen blonde Langköpfe sind, und besonders, wenn er selbst ein blonder Langkopf ist, so ist er gern geneigt, mit der äußersten Ruhe die befriedigenden vorläufigen Mitteilungen entgegenzunehmen, daß blonde Langköpfe überall in der Welt andere Menschen an Mut, Intelligenz, an Adel des Charakters, an Körper, Geist und Gemüt bei weitem übertreffen. Dann kommt der Schlag. Er erhält die peinliche Mitteilung, daß seine Vorfahren irgendeinmal in der Vergangenheit, als sie noch in seliger Unkenntnis der Unverdaulichkeit „minderwertiger Rassen" lebten, in seine Nationalität und seinen Nationalstaat Gruppen von blonden und brünetten Rundköpfen und brünetten Langköpfen zuließen, die fruchtbar wie Kaninchen waren, während die überlegenen blonden Langköpfe sich nur wie vornehme Langköpfe fortpflanzten: jetzt sind sie auf dem besten Wege, die Majorität zu werden und hoffnungslos alles edle rote Blut in ihm und seiner Art zu verwässern und dadurch die Intelligenz und den Mut der ganzen Nationalität bis auf den Nullpunkt zu bringen. Was soll er tun, um sich zu retten und seine Nationalität wieder gesund zu machen? Offenbar muß er den Rat seiner Ärzte befolgen und zwar schnell. Er muß zuerst alle seine Volksgenossen dazu bringen, daß sie ihren furchtbaren Zustand vollauf erkennen, sie, die so glücklich sind, noch immer Langköpfe zu sein, und ein blondes Aussehen zu haben; und dann muß er in Gemeinschaft mit ihnen die nötigen Schritte tun, um die giftigen Fremdkörper aus dem nationalen Organismus zu verjagen, oder, wenn es zu spät ist, einen so drastischen Heilungsprozeß herbeiführen, zum mindestens eine Diät anordnen, die Aufnahme neuer Mitglieder „minderwertiger Rassen" vermeiden, die schon bei ihm vorhandenen isolieren und jeden Versuch, sie zu verdauen, aufgeben. Die Ärzte, auch wenn sie in Bezug auf „Rasse"■ Quacksalber sind, sind gute Psychologen; sie schütteln ernst den Kopf, machen dunkle Andeutungen, daß die Lage zum Verzweifeln ist, hegen aber doch fast keine Hoffnung auf vollständige Heilung. Infolgedessen ist große Nachfrage nach ihnen, ihre Patienten verzweifeln wie Spieler, und setzen entschlossen alles ein, um den langen beschwerlichen Kampf gegen die nationale Dispepsie und jene „Depression" zu gewinnen. Es läßt sich manches zur Verteidigung der Rundköpfe und Brünetten sagen und vieles ist gesagt worden — besonders von ihnen selbst. Der Durch- 6chnittsnationalist in einem Volke, das vorwiegend alpin ist, wie die Tschechqslowaken, oder in einem Volke, das vorwiegend mittelländisch ist, wie die Griechen, wird nicht zugeben, daß seine Landsleute minderwertiger sind als 591

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